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Der bewaffnete Philosoph
804 Seiten
Gebunden
Mit Leseband und Schutzumschlag
ISBN 9783000601323
30,00 €
Leseprobe „Der bewaffnete Philosoph“
Vergottetes Tier - oder doch menschgeword'ner Gott? Trotz seines zum Großen strebenden Geistes lebt allzunah den animalischen Trieben seine Natur. Von Meuchelmördern und mißgünstigen Mächten bedrängt, von eitlen Wunschträumen und unstillbarer Sehnsucht getrieben, von Sorge und Schlafmangel umflort, lebt er ein pralles Leben. Kampf und Sieg, Blut und Tränen, Qualen und Strapazen, rauschende Feste und philosophische Gespräche. Ein bewaffneter Philosoph?
Nah den Göttern, erfüllt mit Energie, Ideen und Musik, widersteht er doch nicht immer den Dämonen, die im unterbewußten Höhlengrund jedes Sterblichen hausen - gefährliche Gäste, blutrünstig und mordlustig und voller Gier. Allzuoft lockt verderbter Geschmack seine dürstenden Lippen. Zurück bleibt nach all dem Tosen und Toben Todeserschöpfung.
Geheimnisvoll sind Anfang und Ende. Sich selbst will er gern, ach so gern erkennen, wie die Inschrift "gnothi seauton" am Apollotempel zu Delphi gebietet - doch so recht erkennt er sich nie. Oft blickt er in sich, um die Gottheit zu schauen, denn er ist tatsächlich fromm und opfert ihr in jeder Form. Doch in Wahrheit blickt er nur in den eitlen Spiegel seines Geistes, in dem sein Unwissen ein glanzvolles Bild vom eignen falschen Selbst sieht. So verzerrt sein mächtiges Ego meist seinen Blick, füllt ein Chaos von Wahr und Falsch sein ganzes Denken…
Ich bin Onesikritos von der Insel Astypalaia im Dodekanes und war Kapitän des Flaggschiffs von König Alexandros. In meiner Jugend studierte ich übrigens bei Diogenes von Sinope. Gewiß bin ich kein Geistesriese wie Aristoteles, der das unschätzbare Glück hatte, bei dem großen Plato zwanzig Jahre studieren zu dürfen, in jenen Jahren der Jugend, wo ein guter Kopf unendlich viel lernen kann, wenn er einen wirklich genialen Meister hat. Aber ich meine, ein erfahrener Kapitän und Offizier, der die meisten Kriegszüge und Schlachten König Alexanders aus nächster Nähe beobachtet hat, ist nicht der schlechteste Zeitzeuge….
Während der König mich musterte, betrachtete ich ihn fasziniert.
Jugendliches, aber männliches Gesicht, rosig gebräunt, helle glatte Haut, kein Gramm Fett auf den Wangen und am Kinn. Er sah durchtrainiert aus wie ein Olympionike. Breitschultrig, starke, gut definierte Brust- und Armmuskeln, die tägliches Training beim Fechten verrieten. Strahlende blau-grüne Augen, eine kräftige, gerade Nase mit einem winzigen Höcker im oberen Drittel, ein energischer Mund mit schön geschwungenen vollen Lippen, die eine gewisse Sinnlichkeit ausdrückten. In seinem Blick brannte eine Inbrunst, ein metallischer, herrlicher Glanz, der oft leicht verschleiert war, doch bisweilen aufblitzte, wenn rasche Gedanken ihn belebten. Die Stirn, nicht hoch und ein wenig fliehend, war eingerahmt von üppigen dunkelblonden Locken, die sich in der Mitte der Stirn steil nach oben stellten und teilten. Der Blick seiner Augen, obwohl intensiv, wirkte oft träumerisch, als ob er aus einer anderen Welt käme. Wer jedoch meinte, dieser kaum mittelgroße Jüngling von athletischem Körperbau sei ein weltfremder Träumer, der irgendwelchen Hirngespinsten nachjagte oder Luftschlösser baute, wurde rasch eines Besseren belehrt…
Alexandros schien sich köstlich zu amüsieren, seinem Mienenspiel nach zu urteilen. Er hörte konzentriert zu, ohne mich zu unterbrechen. Dann legte er mir seine sonnengebräunte, kräftige Rechte auf den Arm.
"Du formulierst prägnant, Onesikritos. Wollte, ich hätte mehr Zeit. Könnte mich den ganzen
Nachmittag mit dir unterhalten. Vielleicht setzen wir unsere Unterhaltung ein ander Mal fort?"
"Mit dem größten Vergnügen!" erwiderte ich ohne zu zögern. Das zauberte für einen
Augenblick ein liebenswürdiges Lächeln auf sein ernstes Gesicht, was ihn noch schöner machte. Er wandte sich meinem Freund zu. " Was meinst du, Nearchos? Haben wir für diesen aufgeweckten Burschen eine Aufgabe bei unserem Ausflug nach Asien?"
"Gewiß! Wie ich schon sagte: Prima Steuermann! Kann auch mit Schwert und Lanze recht gut umgehen. Wir haben oft miteinander die Klinge gekreuzt."
Im Augenblick war ich noch überwältigt von der Begegnung mit dem Makedonenkönig.
"Ist er tatsächlich so - liebenswürdig?"
"Er ist es wirklich, glaub mir! Aber ich warne dich, Onesikritos: wehe, er merkt, daß jemand ein falsches Spiel spielt! Dann kann er auch ganz anders! Er wird dann so brutal wie sein Vater!"
"Ich weiß. Theben! Mir läuft ein Schauder über den Rücken, wenn ich bloß dran denke!" "Vergiß das niemals, Onesikritos! Die Thebaner waren aber selbst schuld. Er hat ihnen mehrmals Schonung angeboten, wenn sie sich zu einem vernünftigen Vertrag bereit erklären, aber sie haben ihn einfach nicht ernstgenommen. Glaubten, dieser kleingewachsene, blutjunge Prinz könne ihnen nichts, er sei doch bloß durch seinen Vater stark gewesen. Diese Narren! Hatten nichts aus der Schlacht bei Chaironeia gelernt, obwohl er doch dort ihre berühmte Heilige Schar ausgelöscht hatte. Den Fehler sollte man besser nicht machen! Er ist nicht groß, aber wenn du ihn mal kämpfen siehst, bleibt dir die Spucke weg! Er erledigt drei tüchtige Schwertkämpfer im Handumdrehen, ich hab es erlebt im Krieg gegen die Triballer. Hör mir jetzt gut zu, Onesikritos, es ist lebenswichtig: Wenn er dir vertraut und du dieses Vertrauen niemals enttäuscht, bist du ein gemachter Mann! Er ist die Großherzigkeit in Person. Und er braucht intelligente Leute wie dich. "Dummköpfe hab ich schon genug", sagt er manchmal unter vier Augen zu mir, wenn sie ihn wieder genervt haben, seine schwerfälligen Makedonen. "Ich brauche intelligente Burschen, die sofort begreifen und die Nerven aus Stahl haben!" Du wirst mit ihm Dinge erleben, die vor uns noch kein Grieche erlebt hat!"
Aristoteles betrachtet fasziniert das Gesicht dieses Fürsten, der noch vor zehn Jahren in ganz
Hellas als schöner Mann galt, als Charakterkopf, der dem Göttervater Zeus ähnle. Jetzt ist dieses Gesicht verlebt, aufgedunsen, zerfurcht, gezeichnet von fünfundzwanzig Jahren harter Kämpfe mit Feinden im Innern und Feinden im Äußern. Kämpfe auf Leben und Tod, in denen er meist Sieger blieb, manchmal aber nur durch Rückzug, raffinierte Listen und die Gnade der Götter der völligen Vernichtung entrann. Schlachten, in denen er mehrmals schwer verwundet wurde und oft in Lebensgefahr geriet. Dieses Antlitz kündet noch immer von Stärke, aber auch von Grausamkeit und Tücke und einer tierhaften Sinnlichkeit, die des Königs klaren Blick bisweilen erheblich trübt. Das linke Auge, von schwerem Lid verschattet, mustert den Philosophen durchdringend, und der spürt recht deutlich, daß dieser Blick neben scharfer Intelligenz etwas Dämonisches verrät. Berserkerhafte Energie im Verein mit unbarmherzigem, eiskaltem Machtwillen. "Kein Zweifel, dieser Mann geht über Leichen, wenn er es für notwendig hält!" denkt der Stageirit mit leichtem Schaudern. "Kann ich es wirklich wagen, mich mit diesem Mann, dem mächtigsten von ganz Hellas, zu verbünden, mich als Erzieher seines Thronfolgers zu verpflichten?" Ihm ist vollkommen klar: nimmt er diese Aufgabe an, stempelt sie ihn in der gesamten griechischen Welt und darüber hinaus zum Verbündeten des gefürchtetsten Feldherrn von Hellas. Dann heißt es:
"Aristoteles von Stageira, der Makedonen-Freund"!
Trotz dieser widerstrebenden Empfindungen beim Betrachten der zerfurchten Physiognomie des Makedonenkönigs verliert Aristoteles nicht einen Augenblick den Ausdruck heiterer Gelassenheit.
Philippos wiederum ist beeindruckt von der abgeklärten Ruhe des Platonschülers - weit mehr, als ihn die hinreißendste Redegewandheit hätte beeindrucken können. …Er schaut mit großem Ernst, prüft eindringlich die Persönlichkeit dieses Platonschülers und spürt: ausgewogene Heiterkeit voller Kraft, eine tiefe Gelassenheit, die um die großen Zusammenhänge des Kosmos weiß. Ein starker Geist, der die Unrast der Zeit gleichmütig erträgt, ohne dabei in Lethargie zu verfallen. Philippos erkennt von Augenblick zu Augenblick klarer: dieser auf den ersten Blick recht unscheinbare Mann besitzt nicht bloß schöpferische Begabung auf vielen Gebieten, wie ihm seine Gewährsleute versichern. Er verfügt auch über starke Willenskraft, Geistesschärfe und die Souveränität, die nötig ist, um den jungen Löwen zu zähmen, Philipps Sohn, diesen Feuerkopf, der die Kraft seines Vaters geerbt zu haben scheint. Diesen Edelstein behutsam zu schleifen erfordert einen wirklichen Könner, soll er nicht stumpf werden und seine Strahlkraft einbüßen. Sein Sohn soll ein scharfes Schwert werden, aber keinesfalls ein tollkühner Draufgänger ohne Selbstbeherrschung, Umsicht und Weitblick - sonst ist sein Lebenswerk in Gefahr!
Beglückt atmet Philippos tief durch, ein Lächeln verschönt das grimmige, von Sonne und Wind gegerbte, von wilden Leidenschaften verwüstete Gesicht des Haudegens, das die Spuren von zwanzig Jahren harter Kämpfe nicht verleugnen kann.
"Schön, daß du da bist, Aristoteles! Du wirst sehen, mein Freund, bei uns in Makedonien lebt es sich nicht schlechter als in Athen. Laß uns zuerst bei einem kleinen Imbiß ein wenig plaudern, ich hab mir den ganzen Nachmittag und Abend für dich freigehalten. Es geht um große Dinge!
Um die Zukunft von Makedonien und Griechenland!"
Leise, fast unhörbar servieren jetzt drei bildhübsche Königspagen den Imbiß. Auf farbenprächtig bemalten Keramiktellern, die Szenen aus Ilias und Odyssee darstellen, präsentieren die Knaben allerlei Leckerbissen: gepökelte Scheiben von Wildschweinschinken, gefüllte und eingelegte Oliven, frische Feigen, getrocknete Pfirsiche aus Phrygien, gesalzene Sardinen, marinierte Tintenfische, frische Weintrauben aus Emathiens Weingärten,
Schafskäslaibchen, geräucherte Saiblinge und Forellen aus den Bächen des Bermiongebirges, duftendes Fladenbrot und Quellwasser in Keramikkrügen, dazu geharzten Wein in vergoldeten Bechern aus getriebenem Silber. Alles ist so appetitlich angerichtet und duftet so verheißungsvoll, daß dem sensiblen Magen des feinschmeckerischen Philosophen ein vernehmliches Knurren entflieht.
"Aristoteles, was hat es wohl zu bedeuten, daß der göttergleiche Achilleus, der unüberwindbare
Krieger, der sogar den furchtbaren Kämpfer Hektor erschlägt, schließlich ausgerechnet von Alexandros-Paris, dem Frauenhelden getötet wird? Daß also der Frauenheld den Kriegsheld tötet? Und daß dieser Frauenheld ausgerechnet Alexandros heißt?"
Kichern in der Freundesschar. Alexandros errötet. Will ihn Philotas wieder mal ärgern? Als Aristoteles das zornige Funkeln in den Augen Alexanders sah, seine geblähten Nüstern, seinen zornig verpreßten Mund, der die schön geschwungen Lippen zu einem Strich formte, dachte er bei sich: "Dieser musische Knabe wird einmal große Energien anziehen, die vielleicht ein Äon wandeln! In ihm brennt eine innere Flamme! In diesem zierlichen Leib wächst ein Genius heran, der uns alle noch staunen machen wird!" Und er beschloß im Stillen: "Was immer ich tun kann, um dieses Juwel zurecht zu schleifen, werde ich tun. Vielleicht wird durch ihn auch mein Name überdauern wie der meines großen Lehrers Platon!"
Und von Stund an meißelte der Philosoph noch konzentrierter, noch präziser, noch planvoller an diesem Granitblock, so wie ein Bildhauer einen Gott aus dem Marmor meißelt, und langsam schlug er ab die Schlacken und Unebenheiten des Naturunwissens, brachte ein wenig Licht in das Dunkel des Vorbewußtseins dieses leidenschaftlichen, heftigen, unbeugsamen Charakters… Der unscheinbare Philosoph aus Stageira weiß zu fesseln mit seinem Vortrag. Philotas kommt nur noch sporadisch, ihm ist das alles zu hoch. Er spottet über den Stageiriten und pirscht lieber nach Wild und Weibern als nach der Weisheit. Doch die anderen folgen gerne der leisen Stimme des Philosophen. Zur Magie der Persönlichkeit gesellt sich Kunst des Begriffs. Wissenschaft und Wahrheit in verwendbare Happen schneidend, bietet der Fachmann der präzisen Logik den lernbegierigen Jünglingen prickelnde Gedankenkost.
Alexandros hört aufmerksam zu, selten entgeht ihm ein Wort. Als Aristoteles plötzlich innehält, die Hand hebt, um dem Lied eines Nachtigallenmännchens zu lauschen, das über ihren Köpfen im Geäst schlägt, horchen auch die Schüler beglückt. Für einige Augenblicke spüren sie die Harmonie, die im Kosmos herrscht, die göttliche Energie, die in jeder Erscheinung der Natur zum Ausdruck kommt. Aristoteles schaut prüfend in die blaugrünen Augen Alexanders. "Eigenartig, wie diese feucht glänzenden Augen das träumerische Innesein der Pflanze, die bebende Sinnlichkeit des Tiers, den hellwachen Verstand eines intelligenten Menschen in sich vereinen. Was wird wohl aus diesem begabten Menschenkind werden? Wird er ein ebenbürtiger Nachfolger des außergewöhnlichen Staatsmannes Philippos, der mir die Formung seines einzigen regierungsfähigen Sohnes anvertraut und damit das Schicksal seines Reiches in meine Hände legt? Oder wird dieser temperamentvolle Jüngling mit dem unbeugsamen Charakter ein tollkühner Haudegen, der Makedoniens Krieger in Tod und Verderben stürzt wie sein Onkel, König Perdikkas, ein Vierteljahrhundert zuvor?
Hephaistion, Kallisthenes, Ptolemaios, die ihn neugierig mustern, haben bemerkt, wie prüfend er Alexandros betrachtet hat und wüßten allzugern, was er wirklich über ihren Prinzen denkt, den sie alle, mit Ausnahme von Philotas, lieben, der sie aber auch manchmal irritiert mit seinen Eigenarten. Sie merken wohl, daß irgend etwas in seiner Seele anders ist als bei den meisten Menschen, ahnen, welche Abgründe sich auftun in diesem Knaben, der zerrissen ist durch den unüberbrückbaren Zwist zwischen dem Vater, den er bewundert und verehrt, und der Mutter, die er ebenfalls liebt….
Mit den Jahren schärft Philippos seinen Blick, aus dem begabten Taktiker wird ein weitblickender Stratege, der Chancen erkennt, wo andere nur Risiken sehen. Der Weichen stellt, bevor die anderen Mächte in Hellas überhaupt die Kräfte sehen, die sich da entwickeln, sich zusammenballen und das Schicksal der Griechen bestimmen. Durch tägliches Training schleift Philippos seinen Sohn Alexandros zu einem scharfen Schwert, zu einer tödlichen Waffe, einem brauchbaren Werkzeug in den Händen des Vaters. Alexandros, der musische, sensible Prinz, hat überhaupt keine Wahl. Sein Vater hat dem Zehnjährigen unmißverständlich klar gemacht: "Alexandros, jetzt hör mir mal gut zu, mein Junge! Entweder du machst, was ich dir sage, oder du wirst nie König sein! Und damit du es weißt: wenn ein andrer als du König wird nach meinem Tod, wirst du umgebracht werden! Das ist bei den Makedonen so. Und natürlich werden auch deine Mutter und deine Schwester umgebracht werden!"
Der vierzehnjährige Alexandros, bereits im Sog des Homerischen Idols Achilleus, in einem mächtigen Strudel, dem zu entrinnen menschliche Kräfte übersteigt, rüstet sich durch tägliches hartes Training, das dem der jungen Krieger Spartas in nichts nachsteht, mit Ausdauerläufen und Fechtunterricht durch die besten Fechtmeister von Hellas, in die Fußstapfen seines bewunderten Vaters zu treten, oder gar in die seines Idols Achilleus. Sein Intellekt wird geschult durch einen der besten Köpfe von Griechenland, und bald stellt Aristoteles fest, daß dieser zierliche Junge eine Auffassungsgabe besitzt, die ihn immer wieder aufs neues verblüfft und ein Gedächtnis, das seinem eignen nicht nachsteht.
Alexandros will leben lieben glänzen, sein Ehrgeiz brennt wie höllisches Feuer, Achilleus ist sein Leitstern, Homer sein Gott. Die Ilias lernt er nach und nach komplett auswendig, dazu Teile der Odyssee, und die bildkräftigen Verse des Dichters formen den noch unfertigen Geist des halbwüchsigen Prinzen und wecken übermächtige Wünsche. Worte sind Mantren, sie haben Macht…. "Ewiger Nachruhm!" - Ja, den will ich mir erobern, koste es, was es wolle!"schwört sich Alexandros mit heißem Herzen - "und wenn es mich mein Leben kostet!" So verwandelt sich der musische, feinfühlige Knabe Alexandros binnen zehn Jahren in einen eisenharten, brutalen, blitzschnell zuschlagenden, eiskalt berechnenden athletischen Krieger von kaum mittelgroßer
Statur, dessen Geschosse mit großer Treffsicherheit einschlagen, dessen Schwertstreiche und
Finten in der Zeitspanne eines Wimpernschlags erfolgen, dessen Zungenschärfe der Treffsicherheit seiner Pfeile und Speere in nichts nachsteht, der die adligen Hetairoi seines königlichen Vaters mit dem gebührenden Respekt behandelt, sich aber Unverschämtheiten nicht lange bieten läßt, sondern gnadenlos zurückschlägt bei der ersten sich bietenden Gelegenheit.
Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Ungeduldig fiebert der achtzehnjährige Prinz
Alexandros der Feuerprobe entgegen, der Entscheidungsschlacht vor den Toren von Chaironea in Böotien.…..Alexandros sitzt wie angegossen im Sattel seines Bukephalas, verschmolzen mit seinem schaumbedeckten Fuchshengst. Kentaur mit Löwenmähne und Feuerblick, führt er geschmeidig, präzise und mitreißend die schwere Reiterei der Makedonen und Thessalier, stämmige thessalische und makedonische Rösser, deren Reiter ihrem jugendlichen Anführer nicht nachstehen wollen. Mit ungeheurer Wucht, donnernd und die böotische Erde erschütternd, brechen die Stoßkeile der zweitausend Hetairoi wieder und wieder in die geschlossene Phalanx der Thebaner ein, reißen mit ihren zweitausend ehernen Stoßlanzen blutige Breschen in die Reihen der todesmutigen Kämpfer der Heiligen Schar, die noch nie gewichen ist, doch jetzt mehr und mehr Lücken zeigt, in denen sich sterbende Krieger in Blutlachen wälzen. Auch Dutzende von makedonischen und thessalischen Hetairoi sterben durch die messerscharfen Lanzenspitzen der thebanischen Sarissen, fünf Meter langer Lanzen, deren metallener Endstachel in die Erde gerammt werden kann, damit die Sarisse nicht durch die Wucht der galoppierenden Pferde weggerissen wird. …
Während Philipps Phalangen und Hypaspisten mit dem gellenden Schlachruf "Alalei! Alallalei! Alalei!" den zurückweichenden Griechen zu Leibe rücken, unentwegt stechend und hauend mit ihren gut geschliffenen Lanzen und Schwertern, gelingt es endlich einigen Tausend Hopliten unter Lysikles, ihre Schlachtreihen wieder zu schließen… Doch in dieser kritischen Phase, als die grimmigen Hopliten Athens und Thebens die makedonischen Bauern und Hirten spüren lassen, daß sie im Nahkampf den meisten Makedonen fechttechnisch doch überlegen sind, als Philipp bereits wütend mit den Zähnen knirscht und sein übernächtigtes Gesicht sich zu einer
Grimasse verzieht - in diesen Minuten, als die Nerven der makedonischen wie der feindlichen Befehlshaber zum Zerreißen gespannt sind und die Schlacht buchstäblich auf Messers Schneide steht, donnern im Rücken der verbündeten Griechen auf einmal die makedonischen und thebanischen Hetairenreiter heran. Endlich! Philippos atmet auf. Er hat schon das Schlimmste befürchtet. Mit markerschütterndem Kriegsgeschrei attackieren die königlichen Kampfgefährten zu Pferde die wankenden Truppen Athens und Thebens. Wie ein Orkan aus Stoßlanzen, Wurfspießen und Schwertstreichen bricht diese wirbelnde, rasende Masse aus Rössern und
Reitern mit ungeheurer Wucht über die entsetzten Athener und Thebaner herein. In eine tödliche Zange genommen, unschlüssig und ratlos, ob sie sich nach vorne oder nach hinten verteidigen sollen, brechen die Schlachtreihen der verbündeten Griechen binnen weniger Minuten endgültig zusammen, lösen sich auf in Grüppchen verzweifelt kämpfender Hopliten und fliehender Leichtbewaffneter. "Rette sich, wer kann!" wird nun die Devise vieler Athener Soldaten.
Philippos, von Phila, Audata und Philinna bisher von Olympias ferngehalten, ist durch das
Interesse seiner Adligen nun doch gekitzelt und entschließt sich, seine Jugendliebe persönlich in Augenschein zu nehmen. Verkleidet als Holzknecht schleicht sich der stämmige Mann heimlich zur Badestelle am Lydias, begleitet von vier Holzfällern, die ihre Kurzschwerter unterm braunen Umhang aus grober makedonischer Schafwolle verbergen. Olympias, stets wachsam und scharfäugig, erspäht die fünf Holzknechte, die sich in Speerwurfweite an einer Pappel des Lydiasufers zu schaffen machen, aber auffällig langsam arbeiten. Als ihre Leibwächter fragen, ob sie die verdächtigen Gestalten vertreiben sollen, winkt sie ab. Mit weiblicher Intuition und dem Scharfblick der Liebenden erkennt sie an den Bewegungen und dem Profil eines der Holzfäller ihren Geliebten Philippos, tut aber so, als ob sie völlig ahnungslos ihr Baderitual vollzöge. Langsam taucht sie aus den jadegrünen Fluten des Lydias auf, völlig nackt, schlank und üppig, dehnt sich, räkelt sich genüßlich, streckt die Arme gen Himmel, als ob sie Aphrodite anrufen wolle, schüttelt dann energisch das Wasser aus ihren hüftlangen Flechten, deren rotes Gold prächtig mit dem Jadegrün des Lydias und dem Saphirblau des Morgenhimmels kontrastiert. Philippos, der Apelles und Lysippos beschäftigt und das Auge eines Künstlers hat, ist hingerissen von diesem Bild. "Wenn das Apelles sähe!" Er kann sich nicht mehr von diesem Anblick losreißen, seine Begleiter grinsen sich hinter seinem Rücken vielsagend zu und machen obszöne Gesten. Sie kennen ihren König und wissen schon, wie es weitergeht. Bestrickte einst das sechzehnjährige Mädchen Myrtale durch Anmut und Liebreiz, betört die neunzehnjährige Olympias durch Sinnlichkeit und prachtvolle Melonenbrüste. Sie schaut nicht hinüber zu den
Holzknechten, die an einer riesigen Pappel herumspielen, zeigt ihnen die kalte Schulter, doch die Konturen ihrer schlanken Taille, der vollen weiblichen Rundungen, ihre lasziven Bewegungen strahlen eine solche Sinnlichkeit aus, das Philipp ächzend und schnaufend innehält. Er läßt die Axt fallen, knirscht mit den Zähnen, seufzt gequält, nicht achtend der Grimassen seiner Somatophylakoi. Der unwiderstehliche Trieb der Natur wogt durch sein Blut. "Ich muß sie haben!" ist der einzige Gedanke, der jetzt Herz und Hirn dieses triebhaften Machtmenschen beherrscht, während er alles stehen und liegen läßt und nach Hause eilt in einem Tempo, daß die Leibwächter Mühe haben, ihrem König zu folgen.
Philippos von Makedonien hatte den Finger stets am Puls der Zeit, wenn er nicht gerade berauscht war von Wein oder Weib. Er liebte das Leben, das karge des Soldaten ebenso wie das üppige des Fürsten. Seine suchende Kraft, tastend und züngelnd, erspürte den schmalen Pfad zu neuer Form. Aus brüchigen, wackligen Strukturen schmiedete er ohne Scheu vor Brandwunden mit starker Faust eherne Muster von Macht, Zweckmäßigkeit und verläßlicher Funktion, mit Alexandros als Hammer und Theben als Amboß. Philipps Hegemonie in Hellas, in der Höllenglut der Esse von Chaironea geschmiedet, benutzte jetzt ein Werkzeug, das als Meisterwerk der Staatskunst gelten durfte - den Korinthischen Bund.
Der König, jugendlich rosig, sonnengebräunt, wie ein junger Gott im Sattel seines
prachtvollen Bukephalas sitzend, der mit seinem schäumenden Maul, seinen prallen Muskelpaketen, seinem glänzenden Fell, ungeduldig mit den Hufen scharrend, wie die Verkörperung von Kraft und Herrlichkeit aussah, hatte mit verkniffenem Mund zugehört, ohne einen Versuch, die Rede Parmenions zu unterbrechen. Das gefiel mir. Doch allmählich schwoll seine Zornesader an und seine Miene verfinsterte sich. Er sieht in solchen Momenten furchteinflößend aus. Wir hielten den Atem an. Sollte es jetzt schon zum Streit kommen zwischen dem Feldherrn Philipps mit vierzig Jahren Kampferfahrung und dem blutjungen Alexandros? "Parmenion, mein Freund, das alles seh ich auch selbst", antwortete der König mit mühsam beherrschter Stimme, in der Unmut mitschwang und Ungeduld.
"Aber" - seine Stimme wurde plötzlich lauter und greller, voll wilder Leidenschaft: "Ich würde mich schämen, wenn ich, der so leicht über den Hellespont herübergekommen ist, mich jetzt von diesem Bach abhalten ließe, gleich hinüberzumarschieren, so wie wir jetzt aufgestellt sind. Dein Rat, verehrter Parmenion, wird weder dem Kriegsruhm der Makedonen gerecht noch der Schnelligkeit, mit der ich Gefahren begegne. Du müßtest mich eigentlich jetzt schon gut genug kennen, um zu wissen, daß Alexandros solchen Herausforderungen ganz anders begegnet als andere Feldherren. Die Perser würden ja wieder Mut fassen, wenn wir uns so leicht einschüchtern ließen. Am Ende glauben sie dann noch, sie seien den Makedonen gleichwertig! Nein, mein Lieber, wir werden ihnen gleich jetzt eine Lektion erteilen, die sie lehren wird, die Makedonen zu fürchten!"
Bei den letzten Sätzen blitzten seine Augen furchterregend, seine Stimme klang so zornig, daß Parmenion mit zusammengepressten Lippen schwieg.
Die Offiziere schauten sich betreten an. So hatten sie Alexandros noch nie erlebt. Es lag etwas Überspanntes in dieser Stimme, das ihnen Angst machte.
"Genug des Palavers! Ich greife mit dreizehn Schwadronen der Hetairenreiterei auf dem rechten Flügel frontal an. Du greifst mit der Infanterie auf dem linken Flügel gleichzeitig an, aber mit Hurra, wenn ich bitten darf! Und laß dich nicht noch einmal von Memnon und seinen
Söldnern zurückdrängen wie damals bei eurem Vorauskommando!"
Ein spöttisches Lächeln kräuselte Alexanders Mund für einen Augenblick, in seiner Stimme schwang unüberhörbar Spott, ja Geringschätzung. Die Offiziere bemerkten, wie Parmenions Augen haßerfüllt funkelten, seine Miene eisig wurde. Er mochte es gar nicht, wenn man ihn, noch dazu vor rangniedrigeren Offizieren, an diese wenig ruhmvollen Kämpfe erinnerte….
Gewaltig braust der Schlachtruf der fünfunddreißigtausend Krieger über die staubige Ebene, hallt von den nahen Bergen des Amanos-Gebirges wider. "Alalei! Allallalei! Alalei!" Das Blut gerät in Wallung, Haß ergreift Haß, ein mit furchtbaren Eisenstacheln gespicktes Ungeheuer marschiert auf die unübersehbaren persischen Reihen zu. Während die makedonische Phalanx in eherner Ordnung vorrückt, während in der Ferne bereits Staubwolken das Heranrasen von schnellen persischen Streitwagen mit rotierenden Sensen an den Radnaben ankündigen, galoppiert Alexandros an der Spitze seiner Kavallerie auf den linken Flügel der Perser zu, der weit über die makedonischen Schlachtreihen hinausreicht.
Hunderttausend trommelnde Pferdehufe lassen den harten Steppenboden erbeben. Rasender Ingrimm in rohen Angriffs Galopp. Gellende Trompetensignale schreien "Attacke". Dreißigtausend eisengepanzerte orientalische Rösser setzen zum Angriff an auf die makedonischen Phalangen, während weitere zehntausend ungepanzerte, pfeilschnelle Renner, nach links abschwenken, um die makedonische Kavallerie daran zu hindern, sie in einem weiten Bogen zu überflügeln und einzukreisen. Die schnelleren orientalischen Pferde überholen jetzt die schweren Lanzenreiter der Makedonen, rasen in halsbrecherischem Galopp weg vom Zentrum des persischen Heeres, das wohl zweihundertausend Mann zählt, denn die Hälfte der vierhunderttausend Krieger steckt noch immer im Paß fest und kann deshalb in die Schlacht gar nicht eingreifen.
Zu spät erkennen die Feldherren des Großkönigs, daß dort, wo eben noch viele tausend tapfere medische und persische Reiter den Großkönig vor feindlichen Angriffen abschirmten, plötzlich eine Lücke klafft, die von Sekunde zu Sekunde größer wird - eine gefährliche, eine potentiell tödliche Lücke. Alexanders galoppierender Stoßkeil, fünftausend muskulöse makedonische und thessalische Rösser mit lanzenbewehrten Reitern, die weder Tod noch Teufel fürchten, dieser wuchtige, eisenblitzende Stoßkeil, schwenkt jetzt auf einmal in schnellem Tempo, wechselt die Stoßrichtung, zielt nicht mehr nach rechts außen, als ob er dem Großkönig in einem weiten Bogen in den Rücken fallen wollte, sondern genau ins Herz des Persischen Heeres, dieser pulsierenden, wogenden Riesenmasse aus dampfenden Pferdeleibern und bebenden Kriegern in eisernen Rüstungen mit goldenen und silbernen Beschlägen und Helmen, die in der Sonne blitzen. Der rasend galoppierende Stoßkeil zielt genau dorthin, wo auf hohem goldgleissendem Streitwagen der König der Könige mit bebenden Nüstern und flatternden Nerven dem Kampfgeschehen zuschaut. Noch steht eine vieltausendköpfige Leibwache in goldenen Rüstungen vor Dareios, tapfere Krieger, persische Vornehme, die "Unsterblichen", hochgewachsene Lanzenträger in schimmernden Rüstungen, die bereit sind, den König der Könige mit ihrem Blut zu verteidigen - solange er nicht die Nerven verliert. Flieht er, werden auch sie den Kampfesmut rasch verlieren. Für einen Feigling werden sie nicht ihr Leben wegwerfen…..
Einige Minuten später stapft Philotas schweißgebadet vor den König, unter dem Gelächter der Hetairoi. Er atmet schwer.
"Philotas, wer hat dir erlaubt, die Makedonin Antigone aus Pydna als Beute zu nehmen?" Des Königs Stimme, heiser von hundert gebrüllten Kommandos nach gewonnener Schlacht, klingt schroff, voll mühsam beherrschten Zorns.
"Was heißt erlaubt? Ich hab sie erbeutet nach gewonnener Schlacht!"
"Nicht du hast die Schlacht gewonnen, Philotas! Wir alle haben sie gewonnen! Das nächste Mal fragst du gefälligst deinen König um Erlaubnis, bevor du Kriegsbeute an dich nimmst!" Philotas läuft puterrot an, seine Augen funkeln haßerfüllt. Höhnisch und voller Grimm stößt er hervor.
" Um Erlaubnis? So weit kommt`s noch!" Dann, überwältigt von seinem lange aufgestauten Groll, brüllt er mit mächtig dröhnender Stimme: "Wir sind makedonische Adlige, Alexandros, nicht deine Sklaven! Vergiß das niemals!" Da ist ein furchtbarer, nicht zu überhörender Unterton von Drohung in dieser gewaltigen Säuferstimme, der die Runde aufhorchen läßt und auch den König. Diese gewaltige Stimme, dieser brennende Blick sagen: "Nimm dich in acht, sonst....!"
"Alalei! Folgt mir!" Alexandros gibt Bukephalas die Sporen, rast in gestrecktem Galopp nach rechts außen, gefolgt von der Leibschwadron und vier Signaltrompetern, gefolgt auch von tausend Reitern, während zwei Signaltrompeter zurückbleiben, beschützt von fünf berittenen Bogenschützen. Die Perser beobachten das Manöver einige Augenblicke unbeweglich, bis sie sicher sind, was die Makedonen vorhaben. Als Dareios, unausgeschlafen und noch nicht ganz nüchtern, sieht, daß der Makedonenkönig im Begriff ist, mit seiner Reiterei den linken Flügel seiner eigenen Armee zu umgehen, verliert er zum ersten Mal an diesem Tag die Nerven.
Hektisch gibt er Befehl, seine Reiterei solle dies unbedingt verhindern.
Ein panischer Befehl, nachlässig und ungenau formuliert, hingeworfen mit wutverzerrtem
Gesicht und furchterregendem Blick, der dem General Angst macht: "Gehorche - oder du bist des Todes!" Die mangelnde Präzision des Befehls beschwört die erste Katastrophe dieses Tages herauf. Der General befiehlt in seiner Furcht vor dem Zorn des Großkönigs, die Reiterei solle das Umgehungsmanöver der Makedonen unbedingt verhindern. Sein Adjutant nickt, jagt Kuriere auf pfeilschnellen Vollblutpferden los mit dem Befehl, die medische Reiterei solle den Makedonen sofort folgen und sie daran hindern, den linken Flügel des Perserheeres zu umgehen und in den Rücken des Heeres zu gelangen.
Niemand präzisiert den Befehl des Großkönigs, und so verlassen die meisten der zehntausend
Reiter, die bisher vor dem Streitwagen des Großkönigs postiert waren zu seinem Schutz, ihren Platz und jagen mit Begeisterung los, jagen mit ihren schnellen Rennern den wuchtigeren makedonischen Rössern hinterher, die unter Alexanders Führung dahinpreschen, in vollem Galopp, parallel zur persischen Front, im Abstand von wenigen hundert Metern. Nun trommeln fünfzigtausend Pferdehufe den harten Steppenboden, die Erde bebt und stöhnt unter dem Ansturm der wilden Horden, die donnernd alles niederwalzen, was sich ihnen in den Weg stellt.
Zu spät merkt der Bruder des bleichen Dareios, daß sich dort, wo eben noch zehntausend Reiter den Großkönig von den Makedonen abschirmten, mit einem Mal eine gewaltige Lücke aufgetan hat. Zwar gibt es noch vierzigtausend andere Reiter in der Riesenarmee des Perserkönigs, aber sie stehen am rechten und linken Flügel. Fünfzigtausend unaufhörlich trommelnde Pferdhufe wirbeln eine Menge Staub auf in der Steppe, die in der brennenden Sonne bereits abtrocknet, gewaltige Staubfahnen ziehen mit dem schwachen Wind in der Steppe am Fuße des Tell Gomel, und diese Staubfahnen verschleiern in wenigen Minuten die Sicht auf dem Schlachtfeld für Stunden…
Ich selbst war an diesem Abend auf Einladung Alexanders Gast an seiner Tafel. Kaum zehn Schritte neben dem König hatte ich es mir auf meinem Speisesofa gemütlich gemacht. … Der König erbleicht, springt auf.
"Elender Kerl! Glaubst du vielleicht, ich lasse mir das von dir noch lange gefallen, daß du die Makedonen gegen mich aufhetzt? Glaubst du, ich weiß nicht, was du hinter meinem Rücken treibst? "
Totenstille im Saal. Verkniffene Münder. Einige stehen auf und verlassen den Saal. Das wird böse enden! Mir krampft sich das Herz zusammen.
Kleitos ist ein Mann, der sich niemals geschlagen gibt. Er will jetzt abrechnen, seine aufgestaute Wut rauslassen über all die Demütigungen.
"Ha!", schreit er höhnisch und herausfordernd, "mir gefällt es auch nicht, Alexandros, daß wir solch einen Lohn für unser vergossenes Blut heimtragen. Wir preisen doch schon diejenigen glücklich, die gestorben sind, ehe sie mitanschauen mußten, wie man Makedonen mit medischen Ruten peitscht und wir vor einem Perser katzbuckeln müssen, damit wir zu unserm König vorgelassen werden!"
Wäre Kleitos jetzt gegangen - alles hätte ein glimpfliches Ende gefunden. Doch der kommt jetzt erst richtig in Fahrt, der Rausch hat alle Hemmungen ausgelöscht. All der aufgestaute Frust und Zorn der letzten Jahre brechen jetzt durch wie ein ausbrechender Vulkan. Mit Schaum vor dem Mund brüllt er:
"Hör mir jetzt zu, Alexandros! Entweder läßt du hier an deiner Tafel freie Makedonen reden, wie es freien Männern von Adel geziemt, oder - wenn du das nicht aushältst, du GötterSöhnchen, dann lade gefälligst keine freien Makedonen mehr ein zu deinen Gastmählern! Lade doch deine Barbaren und Sklaven ein, deine Speichellecker und Kriecher, die sich vor deinem persischen Gürtel und deinem rotweißen Königsrock auf den Boden schmeißen und dir die Füße schlecken oder sonst was!"
Brüllendes Gelächter unter vielen Makedonen. Kleitos - was für ein Makedone! Endlich sagt mal einer dem aufgeblasenen König die Wahrheit ins
Gesicht! Feixen und beifälliges Grinsen. Kleitos hat in diesem Moment die Lacher auf seiner Seite. Doch er ist zu weit gegangen.
Alexandros springt mit hochrotem Kopf von seiner Liege auf, greift sich einen großen Apfel von der Tafel und wirft ihn zielsicher Kleitos an den Kopf, der darüber nur lacht. Dieses verächtliche Lachen des hochgewachsenen Feldherrn macht den kleingewachsenen König wütend. Er fühlt sich verachtet. Das weckt die tief in ihm verborgenen, aber nie ganz überwundenen Gefühle der Minderwertigkeit. Er greift nach seinem Schwert - vergeblich. Sein Schwertträger Aristophanes hat es ihm heimlich abgenommen. Als der König das merkt, wird er rasend vor Zorn, entreißt einem Knappen die Lanze, um damit auf Kleitos loszugehen, doch Ptolemaios und Perdikkas, beide größer und stärker als er, halten ihn so fest umklammert, daß er nicht loskommt. Lysimachos und Leonnatos entwinden ihm die Lanze . Mit verzerrtem Gesicht befiehlt der König, ihn loszulassen. Die mörderische Wut in seinen Augen läßt Ptolemaios und Perdikkas erbleichen, sie lassen los. Alexandros brüllt in makedonischem Dialekt nach seinen Schildträgern, befiehlt seinem Signaltrompeter, Alarm zu blasen, was das Signal für plötzlichen Aufruhr bedeutet. Als der Mann sich weigert, schlägt er ihm wütend ins Gesicht.
"Ist es mit mir schon so weit gekommen wie mit Dareios, daß meine eigenen Krieger mir nicht mehr gehorchen? ", tobt er. Währenddessen haben endlich die engsten Freunde des Kleitos sich aufgerafft und ihn mit großer Mühe aus dem Saal gezerrt. Damit hätte das schreckliche Schauspiel ein glimpfliches Ende gefunden, denn Alexandros hätte seinem Lebensretter gewiß verziehen - wenn nicht Kleitos in einem Moment der Unachtsamkeit sich von seinen Freunden losgerissen hätte und ihnen entwischte. Während sie ihn draußen suchen, schlüpft er hinter einem Vorhang in den Bankettsaal, hinter dem Rücken von Alexandros. Der bemerkt ihn erst, als er mit gellender Stimme deklamiert:.. Doch als der schwarze Kleitos, stolz darauf, in volltrunkenem Zustand noch fehlerfrei Euripidesverse deklamieren zu können und es dem König vor seinem eignen Hofstaat mal richtig heimgezahlt zu haben, zum Gaudium vieler Anwesender, wieder seine verächtliche Lache erschallen läßt, reißt der König blitzschnell einem Leibwächter die Lanze aus der Hand und rammt sie seinem Lebensretter mit solcher Wucht in den Leib, daß sie weit aus dem Rücken ragt. Kleitos starrt ihn ungläubig an, fällt wortlos um und liegt in seinem Blut.
Ich hatte starr vor Schrecken alles aus nächster Nähe beobachtet. Jetzt aber keimte ein furchtbarer Verdacht in mir: Hatte etwa Alexandros dies alles vorsätzlich inszeniert, um den unverschämten Kritiker Kleitos, dessen Schmähungen ihn schon lange erbosten und sein Offizierskorps gegen ihn aufwiegelten, loszuwerden? Und damit auch dessen Anhänger, die altmakedonische Fraktion, einzuschüchtern?
In dieser Nacht träumte Alexandros den Traum aller Verliebten, von leidenschaftlichen
Umarmungen mit der Geliebten, von ihrer geschmeidigen Schenkel Schönheit, vom Zauber ihrer sehnsuchtsvollen Brüste, ihrer weichen Lippen samtigen Liebkosung, von der Ekstase erfüllter Begierde. Und während der König von Asien träumte, arbeiteten Hunderte von Knechten und Sklaven und ein schweißüberströmter Chares mit Feuereifer daran, die Hochzeit des Königs von Asien mit dem Kleinen Stern der Baktrier zu einem würdigen Fest zu machen.
Lange schmausten die Hochzeitsgäste an diesem Abend. Im Glanz der tausend Fackeln schimmerte Rhoxanes seidenes Hochzeitsgewand golden und rot, smaragdfarben und lapislazuliblau, als sie an Alexanders Arm durch das Spalier der Edlen Sogdiens und der Makedonen schritt, von der Festhalle hinüber in das mit Blumen geschmückte Schlafgemach des
Königs. Die abgebrühten Makedonen schauten gerührt zu. Mancher Makedone wischte sich eine Träne vom ledernen Gesicht, als König Alexandros, dieser schlachtengestählte Mann, der keine Gefahr scheute und die schönsten Prinzessinen des Achämenidenhauses links liegen gelassen hatte, im Angesicht dieser blutjungen und zauberhaft schönen Sogdierin dahinschmolz. Der nüchterne, eiskalt berechnende Stratege hatte sich über Nacht in einen verliebten Jüngling verwandelt. Würde dieser verliebte junge Mann überhaupt noch fähig sein, sie wohlbehalten nach Hause zu bringen und die Rolle auszufüllen, die er als Herrscher über Asien, Ägypten und Makedonien übernommen hatte?
Endlich, endlich alleine mit seiner Geliebten, küßte Alexandros sie zärtlich auf ihre weichen Lippen. Rhoxane löste sich sanft aus seiner stürmischen Umarmung und sagte auf Persisch: "Sprich zu mir, erzähl mir von dir, o Alexandros! Ich will dich kennen durch und durch, von innen und von außen!"
Alexandros verstand nicht jedes Wort, doch er hörte mit Entzücken, wie sie seinen Namen aussprach. Es klang wie "Sandro". Er antwortete ihr mit einem heiteren Lächeln. Es beeindruckte ihn, daß sie sich nicht wie eine gefangene Prinzessin eines unterworfenen Volkes verhielt, sondern wie eine ihm ebenbürtige Frau aus königlichen Geschlecht.
"O holder Schönheit Tochter, Rhoxane, ein Blick von dir hat mein Herz verzaubert! Laß deinen Herzschlag nah bei meinem sein, betritt mein Leben, Rhoxane, meine Königin!" Rhoxane verstand wenig Griechisch, nur das, was sie bei ihrer Freundin, der Tochter eines Satrapen, aufgeschnappt hatte. Viele Satrapen des Großkönigs hatten griechische Erzieher für ihre Kinder. Aber sie erfaßte intuitiv den Sinn dieser Hymne der Liebe, hörte mit seligem Schauer den Namen Rhoxane aus seinem Mund, schaute ihn mit ihren feuchten dunklen Augen lange an. Ihre roten Lippen formten wenige Worte nur.
"Alexandros, ich höre deine Worte und ich weiß: du bist es, auf den mein Herz gewartet. Ich bin dein, nimm mich!"
Ihre Hände umfaßten seine Füße, doch er richtete sie auf und küßte sie lange und innig, dann schmiegte sie ihren Kopf an seine Brust. Er hob sie hoch, legte sie auf das weiche Daunenlager und entkleidete sich. Ihre sehnigen, kräftigen Finger huschten zitternd über seinen muskulösen Körper, streichelten zärtlich die Narben an seinem Hals, seinen Schenkeln, seinen Armen, seiner Brust. Dann streifte sie ihre seidenen Gewänder ab und zeigte dem geliebten Mann die Anmut ihres noch jungfräulichen Leibes. Er war bestrickt vom mattgoldenen Prachtgeschmeide ihrer Brüste. Ein Stechen und Reißen von löwenhafter Gier erwachte in ihm, Liebe genannte Lust machte zum Raum seines Entzückens ihren anmutigen Leib. Herz pochte an Herz, Sehnsucht verschmolz mit Sehnsucht, Süße vermählte sich mit Kraft. Rhoxane fühlte sein ganzes leidenschaftliches Wesen strömen in sie, wie ein Fluß sich ergießt in sturmgepeitschtes Meer. Nicht länger mußte sie zügeln ihrer Leidenschaft Puls…
Die athletisch gebauten Leibwachen am Eingang des königlichen Zeltes grinsten unwillkürlich, als der schmächtige Inder mit dem silbergrauen schulterlangen Haar vor ihnen erschien. Sie strotzten sichtlich vor Kraft, waren gut bemuskelt und sonnengebräunt, ihre schweißglänzenden Gesichter unter den vergoldeten Eisenhelmen drückten Sinnenfreude und Hochmut aus. "Welch armselige Kreatur dieser Inder doch ist!", dachte der blonde Polemon, doch er nickte ihm freundlich zu, denn er kannte den Befehl des Königs von Asien, den Inder jederzeit zu ihm vorzulassen….
"Das ist klug von dir, Alexandros. Deshalb meinte ja auch Dandamis, daß du die Weisheit liebst, deshalb nannte er dich ja einen "bewaffneten Philosophen". Aber ein bewaffneter
Philosoph, der ständig Krieg führt, kann unmöglich zur höchsten Erkenntnis kommen." "Warum nicht?"
"Weil die höchste Erkenntnis, die Erleuchtung, nur im Einklang mit der Wahrheit erreicht werden kann, du kannst es auch Aufrichtigkeit nennen. Und was machst du, der bewaffnete Philosoph? Du bringst täglich Tieropfer dar für jede Gottheit, die dir begegnet auf deinen Eroberungs- und Raubzügen, gleichzeitig bringen deine Krieger ständig Menschen um ihr höchstes Gut, um ihr Leben! Das hat nichts mit Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit zu tun. Das ist Lüge. Ein altes Sprichwort bei uns sagt: Die Wurzel der Gewalt ist die Lüge."
Aus Alexanders Gesicht weicht die Farbe, seine Augen werden dunkel. Er atmet heftig, schweigt lange Zeit. Dieser schmächtige Inder nennt ihn, den König von Asien und Pharao von Ägypten, einen Lügner! Unerhört! Sollte er ihn nicht dafür hinrichten lassen?
Lange herrscht Schweigen im Zelt. Schließlich fragt Kalanos.
"Soll ich gehen?" Der Makedone schluckt und schaut ihn finster an.
"Weißt du denn überhaupt, welchen tieferen Sinn das Opfern der Tiere hat?"
"Gewiß. Es soll die Gottheit gnädig stimmen. Das ist bei uns so Sitte."
"Auch bei anderen Völkern, auch in Indien. Aber es zeugt von Unwissenheit. Glaubst du im
Ernst, du kannst die Gottheit auf deine Seite ziehen, ihre Gunst, ihre Hilfe erlangen, wenn du Hunderte oder Tausende von Tieren hinmetzeln läßt? Die Gottheit läßt sich nicht täuschen durch billige Tricks. Ich will dir sagen, was der Opferritus tatsächlich bedeutet: das Tier ist nur ein Symbol. Das Tier, das geopfert werden muß, ist das Tier in dir! Das Tier in jedem Menschen. Dieses Tier muß geschlachtet, geopfert werden. Dieses Tier ist dein Körper-Bewußtsein, dein Ich, dein Ich-Bewußtsein. Das ist das Tier, das geopfert werden muß!"
"Aber wie soll ich mein Ich-Bewußtsein opfern? Soll ich mich selbst schlachten?" "Das tust du bereits. Aber auf die völlig falsche Art. Mit jedem Menschen, den du ohne zwingenden Grund tötest, tötest du dich selbst ein Stück!"
Alexandros ist erschüttert. In vielen schlaflosen Nächten quält ihn die Erinnerung an all die Menschen, die er in diesem zehnjährigen Eroberungskrieg getötet hat oder durch seine Armee töten ließ. Er läßt sich das nicht anmerken, er spielt die Rolle des harten, unbarmherzigen Feldherrn perfekt. Im Wachzustand rechtfertigt er sein Vorgehen mit staatspolitischen Notwendigkeiten, und es mangelt ihm nicht an Freunden, die ihn in dieser Rechtfertigung unterstützen. Er rechtfertigt diese grausamen Eroberungskriege mit der grandiosen Vision eines einzigen Gesetzes der Gerechtigkeit, unter dem die Völker des Erdkreises ohne Krieg leben können, wenn er erst einmal alle Völker unterworfen hat. Doch sein Gewissen schweigt nicht immer. Im Traum erscheinen ihm die Gesichter der Getöteten, quält ihn das Weinen all der Kinder, das Wehklagen und die Schmerzensschreie der Verwundeten auf den Schlachtfeldern. "Alexandros, du mußt begreifen: So lange du bloß Tiere hinschlachtest, aber das Tier in dir, dein Ich-Bewußtsein, deine starke Anhaftung an das Tierische in dir, am Leben läßt, wird du die Erkenntnis des Höchsten niemals erlangen…. Solange du denkst, ich bin dieser Körper, ich bin dieser Geist, wirst du keinen inneren Frieden finden und unmöglich die höchste Erkenntnis erlangen." "Warum?"
"Weil dein kranker Geist dafür verantwortlich ist, daß du auf Abwege gerätst."
Das Gesicht des Königs von Asien rötet sich vor Zorn. "Wie kannst du sagen, mein Geist sei krank?" Er atmet heftig vor unterdrückter Wut.
"Versteh es so: der Geist des Menschen ist der wirkliche Grund für Glück und für Leid, für Gesundheit oder Krankheit, für seine Gutartigkeit oder seine Bösartigkeit.Du mußt versuchen, selbst der Herr deines Geistes zu werden."
"Das bin ich doch bereits!"
"Das bildest du dir nur ein. Da dein Geist aus deinen Wünschen gewoben ist, bist du nicht
der Herr deines Geistes. In Wirklichkeit bist du ein Sklave deiner Sinne und deiner Wünsche."
"Onesikritos, hiergeblieben!"
Erschrocken wandte ich mich um. Hatte ich etwas getan, was seinen Unmut erregte? Die Offiziere und Generäle lachten über meinen Gesichtsausdruck. Doch Alexanders Miene war freundlich:
" Ganz besonders freue ich mich, daß ich heute auch dem Kapitän meines Flaggschiffes, meinem treuen Onesikritos aus Astypalaia, den Goldenen Kranz aufsetzen kann für seine großen Leistungen und treuen Dienste. Ohne ihn wäre der König von Asien und Makedonien in den
Strudeln des Hydaspes untergegangen wie so viele andere damals. Und selbstverständlich erhält
Onesikritos ebenfalls eine Gratifikation von dreihundert Talenten Silber!"
Brausender Beifall der Krieger. Ich spürte, wie ich rot wurde, als Alexandros mir den massiven goldenen Kranz aufs Haar drückte. Er umarmte mich, küßte mich und hielt mich dann einige Sekunden an den Schultern mit seinen kräftigen Händen fest, während er mich lange und eindringlich anschaute. Ich war sehr gerührt und hatte Mühe, die Tränen zu unterdrücken, als der Beifall des Heeres anschwoll. Mir wurde etwas schwindlig durch diese große Auszeichnung, mit der ich nicht gerechnet hatte, obwohl ich sie gewiß verdiente. Hätte ich damals nicht mit Geschick und noch mehr Glück das königliche Schiff durch die Stromschnellen gesteuert, wäre Alexandros wie hundert andere Makedonen im Hydaspes ersoffen wie eine Maus.
Ich war erschüttert, als ich Alexandros so sterbenselend liegen sah auf seinem Prunkbett im Königspalast zu Babylon - in dem Palast, in dem der Großkönig Artaxerxes vor fünfzehn Jahren einem Giftanschlag des Eunuchen Bagoas zum Opfer gefallen war. Wieder fragte ich mich unwillkürlich, ob auch Alexandros vergiftet wurde. Hatte Antipatros durch seinen Sohn Iolaos, den Mundschenk des Königs, ihn vergiften lassen, nachdem er von seiner Absetzung als Vizekönig und Stratege von Europa erfahren hatte?
Ich trat an sein Bett, sagte leise "Alexandros, ich grüße dich!". Er schlug die Augen auf, erkannte mich, versuchte zu lächeln. Wie hatte mich damals sein lichter Blick erschauern lassen, als ich ihn zum ersten Mal traf in Pella. Jetzt war sein Blick stumpf - ein verlöschender, ausgebrannter Stern.
Als ich bemerkte, daß er etwas sagen wollte, trat ich an ihn heran und neigte mein Ohr dicht an sein Gesicht. Er berührte meine Hand und flüsterte kaum vernehmlich:
"Onesikritos, schreib alles auf! Und mach mich nicht noch schlechter, als ich bin!"
Seinen Blick bei diesen Worten werde ich nie vergessen. Schmerz und Trauer, Zuneigung und - ja, Humor. Der Humor, der ihn zeitlebens ausgezeichnet hatte, der Grund, weshalb ihn viele ertragen hatten, die ihn sonst unerträglich gefunden hätten, hatte ihn selbst jetzt nicht verlassen. Dieser Blick war der Blick eines empfindsamen Kindes, das unter Tränen seine Verfehlungen eingesteht und fleht: "Bitte verzeiht mir! Ich habe es nicht böse gemeint!"
Da lag er also, dieser einzigartige Mensch, der mächtigste Mensch dieses Zeitalters, der jetzt nicht mehr die Kraft hatte, vernehmlich zu sprechen - mit nicht ganz dreiundreißig Jahren! Jeder konnte sehen, daß es mit ihm zu Ende ging. Die Wangen waren bereits blutleer, die rosige Bräune war einem fahlen Olivton gewichen.
Als ich dem jungen König zum erstenmal begegnete, war sein Antlitz: Anmut, Geist, Willenskraft. Das Gesicht des zweiunddreißigjährigen Königs von Asien - verwüstet von dreizehn Jahren ununterbrochenen Kriegs, Strapazen, Verwundungen, Verschwörungen und ihrer grausamen Niederschlagung, von Trunk und Exzessen, von Verrat und Enttäuschungen und Seelenqual, von maßlosem Ehrgeiz und der Ahnung des nahen Todes….
… Alexandros spürt, wie etwas in ihm sich löst, wegschmilzt. Der Schleier seines Ichs zerreißt. Sein Geist, der aus übermächtigen Wünschen das Gespinst gewoben hat, das ihn immer tiefer in die Knechtschaft verstrickte, beginnt mit einem Mal, auf eine innere Stimme zu lauschen, verdeckt nicht länger das Unbegrenzte. Seine Seele streift sterbliches Denken ab. Stille. Schwer legt der Höchste sein gewaltiges Siegel auf Alexanders Leib, die Seele verläßt Zeit und Raum in Gefilde überbewußten Lichts.
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GAYATRI
472 Seiten
Gebunden
Mit Leseband und Schutzumschlag
ISBN 9783981419009
22,80 €
An diesem Punkt seiner Erinnerungen und Reflexionen fiel ihm Jungs aufregende Feststellung über das Unbewußte wieder ein: Wenn man das Unbewußte personifizieren könnte, so entstünde ein kollektiver Mensch jenseits der geschlechtlichen Ausprägung, jenseits von Jugend und Alter, Geburt und Tod, der über die unsterbliche menschliche Erfahrung von ungefähr ein bis zwei Millionen Jahren verfügte. Dieser Mensch wäre erhaben über den Wechsel der Zeiten, er wäre „ein Träumer säkularer Träume und ein unvergleichlicher Prognosensteller“ dank seiner schier unermeßlichen Erfahrungen, hätte er doch das Leben von Stämmen und Völkern erlebt und besäße den „Rhythmus des Werdens, Blühens und Vergehens im lebendigsten inneren Gefühl“. Als Siegfried sich dieser Aussagen Jungs erinnerte, empfand er für einen Augenblick ein Gefühl der Beglückung. Wer weiß? Am Ende hatte er ja tatsächlich in diesen Momenten, in denen er „ein unvergleichlicher Prognosensteller“ gewesen war, Zugang zum Unbewußten erlangt? Oder gar zum Kosmischen Bewußtsein, das mit dem Unbewußten des Menschen irgendwie in Verbindung zu stehen schien? Das schien ihm die plausibelste Erklärung. Leider beherrschte er diese Pforten zum Unbewußten nur in den seltensten Augenblicken. Das verdroß ihn über alle Maßen. So beschloß er eines Tages, die Schlüsselgewalt über diese Pforte zu erlangen – und wenn er dazu bis an den Ganges reiten mußte, über die Pässe des Hindukusch, durch die Wüsten Rajastans und hinein in die Hochtäler des Himalaya!
Als Siegfried das gelesen hatte, wurde ihm klar: Ohne das Wissen um "Karma", ohne den Glauben an die Wiedergeburtslehre, erschien die Welt zwangsläufig grausam und Gott entweder ungerecht oder als Hirngespinst. Es war also keineswegs nebensächlich, ob die Christlichen Kirchen die Wiedergeburtslehre akzeptierten, die Christus angeblich gelehrt hatte, - auch Sosso Dschugaschwili wurde christlich erzogen, er war viele Jahre in einem Priesterseminar und wäre um ein Haar Priester geworden. Auch Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili war ein anmutiger Knabe gewesen, der mit seinem schönen Gesang Gottesdienste umrahmte und Menschen bezauberte, ehe er zum Diktator "Stalin" mutierte, der ohne Skrupel Millionen und Abermillionen von Russen ermorden ließ. Siegfried hatte mir großem Interesse gelesen, was der junge "Sosso" Dschugaschwili nach einer Kindheit, arm an Liebe, aber reich an Schlägen, Entbehrungen und Demütigungen, zu seinen Freunden über Religion gesagt hatte, in einem Gespräch, in dem sie sich über die Ungerechtigkeit des Nebeneinanders von Reichtum und Armut unterhielten: Gott ist nicht ungerecht, er existiert einfach nicht. Man hat uns getäuscht. Wenn Gott existierte, hätte er die Welt gerechter gemacht.
Dieses Konzept hatte Siegfried sehr beeindruckt, ja geradezu elektrisiert. Spiegelte die Ent-Zweiung, die Stern da beschrieb, nicht verblüffend die "Dualität von Subjekt und Objekt", Resultat der "maya", wie sie die Vedanta-Philosophie beschrieb? Nach gängiger buddhistischer Lehre schuf die Verdinglichung des Ich und der Phänomene die Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Die hinduistische Katha-Upanischad hatte erklärt, erst" im Selbst sei die Dualität von Subjekt und Objekt aufgehoben" und deshalb könne der Verstand des Menschen das Selbst niemals begreifen, und mit dem "Selbst" meinte der Vedanta den "Atman", das "Göttliche Selbst", von dem der "jivatman", das "individuelle Selbst" des Menschen ein Teil sei.
Es lag also auf der Hand: Die zentralen Fragen sowohl für die Psychologie wie für die Spiritualität lauteten: Wie ist dieses "Ich" oder "Selbst" des Menschen beschaffen? Wie entwickelt es sich fort? Wie transformiert es sich im spirituellen oder psychologischen Reifungsprozeß? Wo geht es letztlich hin, wenn der Mensch stirbt? Welche Rolle spielte das Unbewußte in diesem unglaublich komplexen Prozeß? Was es nur eine Ansammlung von Triebhaftem, Undifferenziertem oder gar Krankhaftem, oder war es, wie der Vedanta lehrte, auch der Ort, wo sich das Göttliche mit der physischen und psychischen Lebenskraft verbindet? - Fragen, mit denen sich die großen Geister der Welt-Religionen seit Menschengedenken beschäftigt hatten und viele ernsthafte Psychologen und Psychotherapeuten, wie Jung so überzeugend dargelegt hatte. Wer behauptete, der Mensch besitze weder "Ich" noch "Selbst", wie dies manche Autoren taten, hatte vom Wesen des Menschen nicht viel begriffen; die schwerwiegende Behauptung, Buddha habe gelehrt, der Mensch habe weder "Ich" noch "Selbst", konnte sogar durch Buddhas eigene Aussagen widerlegt werden: In Vers 305 des Dhammapada hatte Buddha gemahnt:
"Überwinde du, allein sitzend, ...., das Ich aus eigener Kraft!" Damit war klar, daß jeder Mensch, der die Befreiung erreichen wollte, zuerst sein "Ich", sein Ego, überwinden mußte. Die akademische Frage, ob der Mensch ein "Ich" besitze, war damit beantwortet für jeden, der Buddha als Autorität betrachtete. Dies hinderte aber oberflächliche Menschen, die sich auf Buddha beriefen, nicht daran, weiter zu behaupten, der Mensch besitze weder "Ich" noch "Selbst". Sie interpretierten andere Aussagen von Buddha falsch, mit denen der Erwachte lediglich klar gemacht hatte, daß das äußere "Ich" keineswegs absolut wirklich, das heißt ewig und unvergänglich war, sondern nur relativ wirklich, das heißt abhängig entstanden und vergänglich; vergänglich war jedoch nur das Äußere Ich, das mit dem Körperbewußtsein verbundene Ego. Die Vedanta-Philosophie, so überlegte Siegfried weiter, hatte wohl die wahre Natur von "Ich" und "Selbst" am Klarsten beschrieben.
Interessant war, wie das religiöse Oberhaupt der Tibetischen Buddhisten, der 14. Dalai Lama, sich zu der Frage des "Ich" geäußert hatte in seinen Werken:
"Emotionen brauchen einen Bezugsrahmen, ein "Ich" oder "Selbst", das sie erlebt. Ohne diesen können wir die Dynamik dieser Emotionen nicht begreifen... Wie ist dieses Ich oder Selbst beschaffen?" Der Dalai Lama sprach vom "Relativen Ich" und schrieb: "Wenn wir die Art untersuchen, wie wir die Welt um uns herum sehen, können wir nicht von "gut" oder "böse" sprechen, ohne die Perspektive eines "Ich" einzunehmen. Tatsächlich können wir dann von gar nichts mehr sinnvoll sprechen."
Das hatte der Dalai Lama treffend gesagt. Wenn man keine Rücksicht nehmen mußte auf "Buddhistische" Schulen und "Buddhistische" Autoren, konnte man ergänzen: Ohne die Perspektive eines Ich einzunehmen, konnte man erst recht nicht die Dynamik des Intellekts, ja des gesamten Mentalen verstehen; denn ohne ein Ich war Denken natürlich völlig unmöglich. Wer allen Ernstes meinte, ein "Strom des Bewußtseins" oder eine andere Metapher könne die Instanz des "Ich" oder "Selbst" ersetzen, fiel einer schlimmen und gefährlichen Illusion zum Opfer - gefährlich nicht nur für das betreffende Individuum, das leicht in den Strudeln des Nihilismus untergehen konnte, sondern gefährlich auch für die Gesellschaft.
Nagarjuna, eine führende philosophische und spirituelle Autorität des Mahajana-Buddhismus, der "Prophet" der buddhistischen "Leerheits"-Theorie, hatte genügend Scharfsinn und Voraussicht, um nachdrücklich zu warnen:
"Falsch aufgefaßt stürzt die Leerheit weniger kluge Menschen ins Verderben... Daher lehrte auch der Buddha diesen Dharma nicht offen, da er wußte, wie schwierig es ist, ihn bis in die Tiefe zu verstehen."
Als Siegfried einen Seitenblick auf die beiden Inderinnen warf, sah er, daß sie mit Mühe das Lachen unterdrückten. Sie verstanden also Deutsch. Wer hätte das gedacht! Sein neugieriger Blick verweilte kurz auf dem ovalen Gesicht der jüngeren Inderin, einen Augenblick zu lange. Sie drehte ganz langsam den Kopf in seine Richtung, und ein Blick aus großen, umschatteten Mandelaugen traf ihn, verweilte einige Sekunden in Siegfrieds Blick. Eine Saite begann zu klingen, eine spinnwebenfeine Membran begann zu schwingen, zum ersten Mal seit langer, langer Zeit, und eh er sich versah, hatte eine tiefe Sehnsucht von ihm Besitz ergriffen, diese schöne Seele kennenzulernen. In eben diesem Augenblick bewahrheitete sich wieder mal Heisenbergs Satz: „Der Übergang vom Möglichen zum Faktischen findet während des Beobachtens statt." Jedenfalls hatte durch diesen langen Blick, durch den Akt der interessierten Beobachtung, mit dem der Austausch von Energien verbunden war, der Übergang vom Möglichen zum Faktischen bereits stattgefunden. Schon war ein Band geknüpft, das, obwohl hauchzart, bereits fest war wie Stahl, wie sich recht bald zeigen sollte. Nur mit Aufbietung aller Willenskraft konnte Siegfried seinen Blick von der Inderin losreißen, bemerkte aber noch, daß ihre melancholisch-schönen Gesichtszüge plötzlich weich, warm und wie von innen leuchtend erschienen, ihre vollen Purpurlippen sich in traumwandlerischer Langsamkeit bewegten, als ob sie ein zärtliches Wort flüsterten, ihre Nasenflügel kurz und heftig bebten, als ob sie eine starke Erregung mühsam unterdrückte. Dann wendete die Inderin so abrupt ihren Kopf weg, daß ihre gänzenden tiefschwarzen Haare flogen, die in üppiger Fülle bis weit über die Schulter herabflossen.
Sie lächelte amüsiert. Das ist wirklich spannend, wie du das erzählst!
Danke. Aber paß auf: Die österreichischen Grafen und Barone waren natürlich auch nicht alle auf den Kopf gefallen.Als sie merkten, daß diese Oper sie nicht bloß kritisierte, was sowieso schon eine Frechheit war, sondern sie regelrecht lächerlich machte, bekamen sie Angst. Sie witterten den Geruch der Revolution. Die Angst zugeben kann ein Graf natürlich nicht, noblesse oblige! Also sagt er: Ach, diese Oper langweilt mich! Der Adel hat von da an Mozart systematisch boykottiert und gegen ihn intrigiert, und „Die Hochzeit des Figaro“ ist nach nur neun Aufführungen in Wien 1786 abgesetzt worden!
Der arme Mozart, er hätt sicher das Geld dringend gebraucht.
Und wie. Also keine nennenswerten Einnahmen aus der neuen Oper. Aber schlimmer war, daß der Adel Mozart von da an auf Distanz gehalten hat, praktisch ausgehungert hat. Der Wolfgang Amadeus hat also einen sehr hohen Preis dafür bezahlt, daß er Beaumarchais sozialrevolutionäres Stück zu einer wunderschönen Oper vertont hat. Man kann sagen: Mozart hat gewissermaßen sozialkritischen Geist in Musik gegossen. Und wie viele Künstler und Schriftsteller und Journalisten, die sich öffentlich gegen Unrecht engagiert haben, wurde er von den Herrschenden dafür schikaniert. Wahrscheinlich hätt er länger gelebt, wenn er nicht mit „Figaros Hochzeit“ den österreichischen Adel, seinen Brotgeber, gegen sich aufgebracht hätte.
Gayatri erwiderte leise: Wirklich tragisch. In Gedanken sagte sie sich: Wie wird er wohl reagieren, wenn er erfährt, daß ich die Enkelin eines bis 1948 regierenden Maharadschas bin? Aber sie spürte instinktiv, daß Siegfried frei von Neid war, daß seine Sympathie für soziale Gerechtigkeit frei von Haß und Mißgunst war, und das besänftigte ihre kurz aufgeflammte Sorge. Leise sagte sie.
Dann war also Mozart nicht bloß Freimaurer, sondern von seiner Gesinnung her Befürworter der sozialen Gerechtigkeit.
Mehr: Sogar ein Kämpfer für mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Bürgerrechte. Er hat sich voll engagiert in seinem künstlerischen Schaffen und hat dafür einen hohen Preis bezahlt. Dagegen sind die meisten unserer zeitgenössischen Künstler und Journalisten zahnlose Tiger.
Sie kicherte. Zahnlose Tiger! Das ist ein schönes Bild. Sie wollte noch hinzufügen: Mein Großvater hat Dutzende von Tigern geschossen, sie liegen noch heute ausgestopft mit allen furchterregenden Zähnen in seinem Mahradschapalast in M., doch sie schluckte es hinunter.
Die Wiener Realzeitung hat damals geschrieben: „Was in unserer Zeit nicht gesagt werden darf, wird gesungen.“ Erst nach dem Sturm auf die Bastille und der Französischen Revolution wurde Figaros Hochzeit dann ein Kassenschlager.
Sie holte aus der Geldbörse drei Fotos. Welches gefällt dir am besten?
Eines war ein Paßbild, eines zeigte sie mit zwei Freundinnen, eines mit ihrer Mutter in einem prachtvollen alten Palast. Gayatri wirkte darauf in ihrem goldbstickten, karminroten indischen Sari wie eine Prinzessin, mit einem geheimnisvollen Lächeln, das ihn ganz bezauberte.
Das da.
Ich war mit meiner Mutter dort zu Besuch, vor ungefähr acht Jahren.
Aha, zu Besuch. Ich verstehe. Sieht aus wie ein Maharadschapalast aus dem sechzehnten Jahrhundert.
Siebzehntes Jahrhundert, schon von der Mogularchitektur beeinflußt, aber mehrmals moderner restauriert, gehört – Verwandten.
Aha. Verwandten! Er hatte das kurze Zögern nicht überhört. Jetzt war ihm alles klar.
Sieht märchenhaft aus, der Palast deiner Verwandten, und du siehst aus wie eine wunderschöne orientalische Prinzessin.
Danke! Ich freue mich, daß ich dir ein wenig gefalle.
Ein wenig? Ich bin....hingerissen! Er betrachtete lange das Foto, dann Gayatris Gesicht, ließ dann seinen Blick von ihren strahlenden Augen abwärts gleiten und murmelte: Wie die Wolkenmädchen!
Sie errötete. Wolkenmädchen? murmelte sie naiv.
Die Wandmalereien im Felsenpalast von Ceylon. Die Wolkenmädchen. Kennst du sie nicht?
Die Röte ihrer Wangen wurde dunkler, nahm den Farbton sonnengereifter Pfirsiche an. Gayatri antwortete nicht, doch er sah an ihren Augen und ihrem lebhaften Mienenspiel, daß sie die herrlichen Wandgemälde durchaus kannte und daß ihr die kecke Anspielung keineswegs unangenehm war. Danke! flüsterte sie kaum hörbar. Die Andeutung eines koketten Hüftschwungs von unnachahmlicher Anmut belohnte dieses Kompliment und ein Blick, der eine erregende Verheißung war. Diese flüchtige, katzenhaft geschmeidige, im Übrigen völlig unbewußte Bewegung ihrer weiblichen Hüften, gesteuert vom Hypothalamus, der, im Zusammenspiel mit der Hypophyse, als Bindeglied zwischen Hormon- und Nervensystem fungiert, und der schnelle, aber sinnliche Blick der schönen Inderin hatten Siegfried, der ein scharfer Beobachter war, in einer Sekunde mehr über Gayatri verraten als viele wohl formulierte Sätze, die doch stets mehr dem Kalkül der Großhirnrinde einer weltgewandten Politologin entsprangen als dem Herzen einer verliebten Frau. Welch eine Leidenschaft, welch ein Feuer! dachte Siegfried hingerissen. Während er sich bemühte, wieder normal zu atmen, versuchte sie angestrengt, wieder die Kontrolle über ihre Mimik zu erlangen, was ihr sichtlich nur mit großer Mühe gelang, wie die Bögen ihrer Oberlippen verrieten, die eine ganze Weile leise zitterten wie Espenlaub im Hauch des Abendwinds.
War schon immer mein Traum, eine schöne orientalische Prinzessin... Er grinste vielsagend. Sie zog mahnend die Augenbrauen hoch.
Und, wie gefällt dir mein Ophir? lenkte er nun rasch ab.
Froh, daß er das Thema wechselte, antwortete sie: Sehr gut, ein erstklassiger Vollblutaraber, auch ziemlich schnell, denke ich. Er hat viel russisches und ägyptisches Blut, ich nehme an, über Aswan, der vorher Rafaat hieß, das Geschenk von Präsident Nasser an die Russische Regierung für den Bau des Assuan-Staudammes. Und vermutlich auch Priboj-Blut? Er hat fast das Exterieur eines Rennpferdes.
Sie sah mit Vergnügen, wie beeindruckt er war.
Gayatri, du hast aber ein verdammt gutes Auge! Das sieht nicht jeder.
Stimmt es denn?
Es stimmt alles. Hast du selbst auch Pferde?
Wir haben zuhause in Indien ungefähr fünfundzwanzig Marwari-Pferde und ein halbes Dutzend Arabische Vollblüter. Wir sind Züchter. Mein Großvater war ein großer Pferdenarr, und er wollte, daß ich die Zucht der seltenen indischen Marwari-Vollblüter fortführe.
Ja Wahnsinn! Mensch, Gayatri! Er umarmte sie stürmisch, sie ließ es geschehen, löste sich aber behutsam aus seinen Armen.
Nicht so stürmisch, Siegfried! Ich bin eine Inderin, und wir sind nicht verheiratet. Ihr Gesichtsausdruck bei den letzten Worten ließ sein Herz höher schlagen. "Noch nicht", hatte ihr Lächeln verraten.
Unser Araberhengst ist letztes Jahr gestorben mit zweiunddreißig Jahren, wir haben nur noch Araberstuten.
Wenn das Ophir hört!
Sie lachte hell auf. Der Traum jedes Hengstes! Sechs Stuten und kein Rivale in Sicht! Der spöttische Ton war nicht zu überhören, und ihr kritischer Blick war eine Warnung. Diese Frau war nicht bereit, ihren Mann mit einer anderen zu teilen.
Du weißt ja... Es sind nicht alle Männer gleich, sagte er und schaute sie ebenfalls kritisch an.
Ich weiß, erwiderte sie mit einem begütigenden Blick. Sie hatte sich jetzt wieder völlig in der Gewalt und schämte sich ein wenig, weil sie ihm einen so tiefen Einblick in ihr Gefühlsleben erlaubt hatte. Was hältst du denn davon, wenn wir ein wenig in einem Cafe einkehren? Wir können unsere lustige Unterhaltung ja dort fortsetzen.
Gerne. Die Unterhaltung mit dir ist mehr als lustig.
Nämlich?
Sie ist lustvoll!
That means?
Voll Lust.
Ah ja. Einen Moment zögerte sie, dann flüsterte sie. Für mich auch, Siegfried. Zwei Blicke verschmolzen, zwei Herzen schlugen in einem Takt, und obwohl es in der Stadt des Walzers geschah, war es nicht der Dreiviertel-Takt, sondern der Takt der großen Liebe. Sie küssten sich lange und leidenschaftlich, und für beide war es ein Kuß, so voller Hingabe, Zärtlichkeit und wollüstiger Leidenschaft, wie sie ihn nie zuvor so erlebt hatten.
Krysztina! Sie packte ihre Freundin mit eisernem Griff am Arm, daß diese vor Schmerz das Gesicht verzog.
Krystzina! Damit dir das klar ist: Das sind Killer! Die haben Siegfrieds Pferd erschossen, das ist sein Sattel, ich erkenn den "Faust" wieder, aus dem wir in Wien gemeinsam gelesen haben. Also zögere nicht einen Sekundenbruchteil, wenn dir einer von diesen Gangstern mit einer Waffe in der Hand gegenübertritt und auf dich zielt. Schieß sofort auf Herz oder Kopf! Wenn sie eine Schutzweste tragen, schieß auf den Kopf, sonst legen sie dich um. Hast du mich verstanden?
Krysztina nickte beklommen.
Hast du dein Gewehr entsichert?
Natürlich, antwortete Krysztina, überprüfte aber vorsichtshalber nochmals, ob das Gewehr entsichert und schußbereit war. Sie war bleich, aber entschlossen, ihrer Freundin zu helfen.
Krysztina, ich suche Siegfried, bevor es zu spät ist. Bleib immer ein paar Meter seitlich hinter mir, aber nicht zu weit, und gib mir Feuerschutz, wenn nötig. Solange es noch hell ist, müssen wir Siegfried finden!
Mensch, Gayatri, sei bloß vorsichtig! Von einer Toten hat Siegfried auch nichts!
Ich paß schon auf. Sie ging geduckt und mit äußerster Vorsicht weiter.
Gayatri! flüsterte Krysztina aufgeregt, die plötzlich stehen geblieben war. Dort vorne rechts, hinter der großen Aleppokiefer, siehst du ihn?
Krysztina nickte. Er hat ein Gewehr mit Zielfernrohr, diesmal ohne Schalldämpfer. Sie sind sich ihrer Sache ziemlich sicher. Ah, dort hinter dem spitzen Felsen steht noch einer.
Wo? Ah, jetzt seh ich ihn. Wahrscheinlich sind noch mehr hier. Die gehen wahrscheinlich in Richtung der Felswand, dort oben sind Höhlen. Wahrscheinlich hat sich Siegfried dort oben versteckt. Gute Deckung. Sie suchen jetzt die Höhlen ab, das kann dauern. Aber es wird bald dunkel, das ist schlecht für uns . Die haben sicher Nachtsichtgeräte, aber wir nicht. Wir dürfen nicht lange warten. In einer Stunde spätestens ist es so dunkel, daß wir sie nicht mehr sehen, aber sie uns schon, dann sind wir verloren. Und morgen früh finden wir Siegfrieds Leiche.
Oder er unsere, antwortete Krysztina beklommen. Also, was machen wir?
Gayatri überlegte fieberhaft. Sie tauschten einen langen Blick. Gayatri lächelte jetzt ganz merkwürdig, sie umarmte und küßte ihre Freundin.
Danke, Krysztina, daß du mir hilfst, du bist sehr mutig, das werd ich dir nie vergessen!
Krysztina schaute sie ernst und schweigend an, als sie die Umarmung gelöst hatte. Verwundert betrachtete sie Gayatri. Ihre großen Augen glühten, aber es war ein kaltes Feuer. Nicht mehr der Ausdruck glühender Verzweiflung am Rande des Irrsinns wie noch vor wenigen Tagen herrschte vor, sondern der tödlicher Entschlossenheit. Krysztina betrachtete mit einem Schauder die Inderin. Diese Frau würde ohne das geringste Zögern jeden töten, der ihrem Liebsten oder ihr selbst nach dem Leben trachtete. Die schönen Gesichtszüge waren hart, wie sie es noch nie gesehen hatte. Gayatris Stimme klang metallisch und heiser.
Krysztina, hör mir zu: Ich muß versuchen, Siegfried zu finden, solange es noch hell ist, sonst ist er verloren. Nachts haben wir nicht die geringste Chance. Es kann Tage dauern, bis die versprochene Hilfe kommt, wenn sie überhaupt kommt. Du kannst dir doch denken, was da alles schief gehen kann. Bleib unbedingt ein paar Meter hinter mir, seitlich versetzt, und schieß ohne zu zögern, wenn es notwendig ist! Zögere nicht einen Augenblick, sonst bist du tot, hörst du? Sie drückte Krysztinas Hand und schaute ihr lange in die Augen.
Sei auf der Hut, Krysztina!
Weg war sie. Auf leisen Sohlen schlich Gayatri in die Richtung, wo sie den ersten Gangster gesehen hatte. Krysztina fünf Meter hinter ihr. Gayatri war noch gut zehn Meter von dem ersten Gangster entfernt, als er sie bemerkte. Er riß sein Gewehr hoch, doch ehe er auf sie anlegen konnte, traf ihn Gayatris Schuß in die Stirn. Er fiel nach hinten ins Gebüsch und blieb regungslos liegen. Gayatri ging zu ihm, warf einen Blick in sein Gesicht, sah das Einschußloch mitten auf der Stirn und schlich dann geduckt weiter. Der zweite Gangster hatte den Schuß gehört, suchte hektisch nach dem Schützen, erblickte Gayatri für einen Wimpernschlag, doch als er hinter dem Felsen hervorsprang, war sie bereits weitergegangen und durch Felsen verdeckt. Sie ging geduckt weiter. Als sie wieder ins Blickfeld des Gangsters kam, legte er auf sie an, sorgfältig zielend. Bevor er Gayatri, die dreißig Meter entfernt und immer wieder durch Äste verdeckt war, im Fadenkreuz hatte, traf ihn der Schuß aus Krysztinas Jagdgewehr ins Herz. Er fiel um und bewegte sich nicht mehr.
Siegfried hatte mit Beklommenheit den Pistolenschuß gehört, kurz danach den Schuß aus einem Jagdgewehr. Was hatte das zu bedeuten? Die Schüsse konnten nicht weiter als zwei-, dreihundert Meter entfernt gefallen sein. Plötzlich begriff er: Das war ein Kampf, und dieser Schußwechsel hatte vermutlich mit ihm zu tun. Er hatte anscheinend Verbündete! Doch wer konnte das bloß sein? Einen Augenblick lang dachte er an Gayatri, doch die war ja weit entfernt und wußte nicht, wo er war. Erregt lauschte er, suchte mit dem Taschenfernglas das Plateau am Fuß der Felswand ab, konnte jedoch niemanden sehen. Er ächzte. Es war gespenstisch und nervenaufreibend, Ohrenzeuge eines Schußwechsels in nächster Nähe zu werden, ohne einen einzigen der Kämpfer zu sehen. Er entschied sich, dennoch vorläufig in der Höhle zu bleiben. Das alles konnte vielleicht auch eine Falle sein! Wieder und wieder suchte er mit dem Fernglas die zerklüftete Landschaft am Fuße der Felswand ab, und da plötzlich - sein Herz stockte: Das war Gayatri! Geduckt wie eine Raubkatze schlich sie auf leisen Sohlen vorwärts, sich ständig nach allen Seiten umschauend, in der Rechten eine Pistole. Das also war das "gefährliche Mädchen"! Siegfried hätte beinahe einen Jubelschrei ausgestoßen vor Freude, die geliebte Frau so unvermutet hier auftauchen zu sehen, in der Stunde der größten Not. Er wischte eine Freudenträne ab. Zu groß war die Erschütterung, gerade sie hier unerwartet auftauchen zu sehen, in der Stunde, da er mit dem Leben schon beinahe abgeschlossen hatte. Doch ehe er sich wieder beruhigen konnte, sah er mit Entsetzen, wie ein Mann mit einem Gewehr in der Hand hinter einem großen Felsblock auftauchte, einen Schritt nach vorne machte, stehen blieb und auf Gayatri anlegen wollte. Sein Herz krampfte sich zusammen, er wollte schreien, Gayatri warnen, doch bevor er einen Ton herausbrachte, sah er, wie Gayatri ihn blitzschnell mit einem einzigen Schuß niederstreckte,scheinbar ohne zu zielen. Fürwahr, ein gefährliches Mädchen! Sein Herz pochte schmerzhaft gegen die Rippen, er traute seinen Augen kaum, so blitzschnell war das alles vor sich gegangen. Dann sah er mit Erstaunen, wie eine zweite Frau auftauchte, einige Meter hinter Gayatri, mit einem Gewehr im Anschlag, vorsichtig nach allen Seiten Ausschau haltend. Als ein weiterer Mann auftauchte, seitlich von Gayatri, die ihn offenbar nicht sehen konnte, als dieser Mann jetzt auf Gayatri zielte, schrie Siegfried entsetzt: Vorsicht, Gayatri! Er sprang auf, um den Stein aus dem Höhleneingang zu stoßen, doch bevor er dazu kam, sah er, wie die Frau hinter Gayatri mit ihrem Gewehr auf den Mann schoß, noch bevor dieser auf Gayatri schießen konnte. Der Mann schwankte einen Augenblick und fiel dann zu Boden. Gayatri hatte also eine Kampfgefährtin! Es hielt ihn nicht eine Sekunde länger in der Höhle. Siegfried stieß mit einem energischen Fußtritt den Stein hinaus, kroch durch den Höhleneingang ins Freie und wollte, den Revolver schußbereit in der Rechten, schon den Pfad hinabstürmen. Er rutschte schon beim ersten Schritt ab, weil seine Muskeln steif geworden waren, fing sich mit knapper Not wieder und zwang sich, langsam hinabzusteigen. Als er auf dem holprigen Pfad endlich am Fuß der Felswand angekommen war, lief er in Gayatris Richtung und rief ihr zu:
Vorsicht, Gayatri! Es sind noch mehr Gangster, paß auf!
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Siegfried und die Schmettrelinge
389 Seiten
Gebunden
Mit Schutzumschlag
ISBN 3830106947
22,80 €
Leseprobe aus Egid Brauns Roman: „Siegfried und die Schmetterlinge“
„Ein Dozent, frisch aus Harvard zurückgekehrt in die geistige Provinz, hatte ihm nach langer, von Wein, Weib und Witzen erhitzter Debatte, lachend erklärt: „Herr Licht, Sie haben zwar Geist, aber es wird Ihnen ergehen wie mir: ich bin mittelmäßig, weil ich zuviel saufe, Sie werden mittelmäßig bleiben in Ihrem Fach, wenn Sie nicht schleunigst anfangen, mehr Fachliteratur zu lesen. Mann, begreifen Sie doch endlich: man kann nicht alles selbst ersinnen!“
Siegfried hatte dem Dozenten in selbstbewußter Nonchalance geantwortet: „Hutos men panaristos hos autos panta noese“ - „Dieser ist der Allerbeste, der selbst alles ersinnt“.
Dem Harvard-Absolventen war beinahe die Ballantines-Flasche aus der zittrigen Hand gefallen angesichts dieser Schlagfertigkeit, mehrere Kommilitonen waren in homerisches Gewieher ausgebrochen vor Begeisterung, endlich eine unwiderlegbare Legitimation für ihre Lernfaulheit zu erhalten, und eine junge Griechin war von dem Altgriechisch Siegfrieds so entzückt, daß sie ihm eulenäugig anbot, ihn nach dem Umtrunk nach hause zu fahren, vielleicht in der Hoffnung, noch in derselben Nacht von ihm eine Einführung in Homers Odyssee zu erhalten. Er hatte dieses ungemein reizvolle Angebot nicht ablehnen können, das mit einer Flasche Retina und einer freundschaftlichen Umarmung endete. Die Ermahnung des Dozenten aber war, wie alle vorhergehenden, auf dornigen Boden gefallen. Freilich zeichnete sich Siegfried durch eine besondere Eigenschaft aus, die allerdings wenig Wertschätzung erfuhr. Sein Verhalten am Gymnasium wie an der Universität war im Grunde charakterisiert durch die Worte des Psychologen C.G.Jung:
„Man ist des wissenschaftlichen Spezialistentums und des rationalistischen Intellektualismus überdrüssig geworden. Man will von Wahrheit hören, die nicht enger macht, sondern weiter, die nicht verdunkelt, sondern erleuchtet, die nicht an einem abläuft wie Wasser, sondern ergreifend bis ins Mark der Knochen dringt.“ Der junge Wissenschaftler war sich auch nach dem Abschluss seiner erschöpfenden Studien der Soziologie des sogenannten „Homo Sapiens Sapiens“ keineswegs bewußt, was ins Mark seiner Knochen gedrungen war. Wohl aber, daß in seiner Geldbörse seit geraumer zeit Ebbe herrschte und er die Routine als rasender Reporter eines Radioprogramms bereits nach einem Jahr so satt hatte wie der junge Balzac seine Tätigkeit als Tagesschreiber einer Pariser Zeitung.“ ……
„Während der langen Autobahnfahrt fiel ihm ein.
Warum hatte Mutter eigentlich nach dem schwarzen Anzug gefragt? Plötzlich verstand er. Stand es so schlimm mit Vater?… Die letzten Jahre waren Groll und Mißtrauen und bisweilen Wut und Streit. Kaum ein gutes
Wort mehr, außer beim letzten besuch vor einigen Wochen.
Der Simma ahnt vielleicht, daß er Siegfried heute zum letzten Mal sieht. Daß er auch ihm Unrecht getan hat, diesem merkwürdigen Buben, den er nicht versteht, der so blitzgescheit ist und so ein freches Mundwerk hat. Er möchte ihm noch etwas Liebes sagen, aber das kann er nicht. So fragt eiunbeholfen:
„Hast denn ein Geld? Wenn man kein Geld hat, das ist doch nichts!“
Der Simma erinnert sich an seine bettelarmen Kinderjahre. Siegfried antwortet mit leiser Stimme. „Ich hab schon Geld, Vater, brauchst dich nicht zu sorgen.
Ich verdien ja was beim Taxifahren.“
Auch er weiß nicht so recht, was er dem Vater sagen soll. Er betrachtet voll Mitleid sein bleiches Gesicht, das von der Krankheit ausgezehrt ist und durchsichtig. Mager war Simon immer, aber jetzt scheint einfach die Haut über die Knochen gespannt. Siegfried wünscht seinem Vater gute Besserung und drückt ihm fest die knochige Hand. Seine weiche, jugendlich glatte Haut spürt diese von der Arbeit verwüstete, von Tiefgen Schrunden zerrissene Hand, die jetzt so ungewohnt sauber ist. Diese schwielige Hand, die fast sechzig Jahre hart gearbeitet, das Brot für die Kinder verdient und die Kinder geschlagen hat.
Jahrzehnte unaufhörlicher, unermüdlicher Handarbeit beim Pflügen und Säen, Steine ansammeln, Kartoffeln legen und ausgraben, Disteln jäten, Hederich ausreissen. Diese Hand, die das Korn senste vom Morgengrauen bis in die Abenddämmerung, den Rechen zog beim Grasrichten und beim Heuwenden, die Mistgabel packte Tag für Tag, Heu und Getreide und Krummet empor stemmte bei zahllosen Ernten, die Zitzen der Kühe molk, das Kalb ans Licht der Welt zog und dasselbe Kalb zum Metzger. Diese Hand, die das Blut umrührte in der Schlachtschüssel, das Fleisch der
Sau durch den Wolf drehte, den Abzugshahn am Militärkarabiner zog, das Bajonett führte beim Todesstoß und blutjunge russische Bauernsöhne hinmähte. Manchmal hat der Summa erzählt mit grimmigem
Lachen: „ Mein Lieber, dann haben wir gemäht mit dem Maschinengewehr! Hach, was wißt denn ihr? Gar nichts wißt ihr!“
„Was ist denn Wahrheit?“ fragt Rohn. „Sie wollen doch nicht im Ernst den Anspruch erheben, diese Frage beantworten zu können, an der schon die erlauchtesten Geister gescheitert sind, auch wenn Sie uns hier mit Ihrer Hirn-Akrobatik erschöpfen, und das auch noch bei vollem Magen!“
Einige Kollegen schmunzeln.
Rohn lächelt sarkastisch und fährt fort.
„Also ich für meine Person glaub sowieso nicht mehr an die absolute Wahrheit! Mir reicht auch ein Teil der
Wahrheit. Ich bin da pragmatisch.“
Siegfried erwidert. „Ich bewundere ihren Pragmatismus, Herr Kollege. Das hat schon was für sich: halbe Wahrheiten erleichtern das Lügen ungemein. Man kann phantastisch die Leute hinters Licht führen, ohne explizit zu lügen. Es genügt in den meisten Fällen vollkommen, Halbwahrheiten und
Nachrichtenunterdrückung geschickt zu kombinieren, um die Bürger zu manipulieren. Manipulation beginnt ja damit, daß man die Wahrheit umgeht oder vermeidet, so weit, daß Unwahrheiten oder Lügen entstehen. Damit kann man die schönste Propaganda machen.“
„Und Karriere machen vor allem“, fügt Oberbayer hinzu. Tucholsky hat das schon vor über fünfzig Jahren gesagt: „Ein bißchen verschweigen, um das Entscheidende herumschweigen, ist so leicht und so verführerisch, wenn man dafür die Geltung eintauschen kann, den Erfolg, den Ruhm und die Beachtung der
Welt, in der man lebt.“ Hat doch nichts von seiner
Aktualität verloren, oder?“…
Einen Augenblick herrscht beklommenes Schweigen am Tisch.
Rohn sagt zur Kollegin Oberbayer in spöttischem Ton:
„Jetzt hat der Kollege Licht es hoffentlich begriffen. Das Verschweigen des Entscheidenden ist im Journalismus der Schlüssel zur Karriere und zum hohen Einkommen!
Jetzt muß er die Erkenntnis nur noch in praktisches Handeln umsetzen, dann ist er in fünf Jahren Hauptabteilungsleiter .“
Er wendet sich lachend an Siegfried. „Dann hat die Wahrheit auch für Sie einen Warenwert, Herr Licht! Die Teil-Wahrheit natürlich.“
…“Karl Jaspers hatte den Zusammenhang in nicht zu überbietender Klarheit beschrieben: „Wahrheit und Freiheit gehören zusammen wie Lüge und Gewalt. Nur
Wahrhaftigkeit kann die freie Welt verbinden. Ohne Wahrhaftigkeit ist sie verloren.Freiheit und Lüge schließen sich aus.“
…“Sokrates Erkenntnis hatte nichts von ihrer Aktualität verloren. Denn wie die Sophisten waren auch viele Journalisten wahre Sprachakrobaten, für die recht behalten wichtiger war als die Wahrheit insbesondere dann, wenn sie damit auch noch ihren Ruhm und ihr Bankkonto mehren konnten. Und viele von diesen hoch artifiziellen Publizisten bildeten sich tatsächlich ein, der Demokratie und der Humanität zu dienen. Diese Einbildung einerseits, das Verschweigen und Verfälschen wichtiger Informationen andererseits, wenn man die gesellschaftliche Rolle hatte, den Menschen die Wahrheit mitzuteilen - das waren doch von jeher entscheidende Ursachen gesellschaftlicher und ökonomischer Missstände und Katastrophen, seit es diesen unglaublich schillernden Beruf des Journalisten gab - diesen Tausend-Zwitter aus Investigator und Inquisitor, Kassandra und Krämer, Kurtisane und Kabalenschmied, Komiker und Königsmacher, Philister und Philanthrop, Prediger und Propagandaposaune, Adept und Amateur, Hofberichterstatter und
Heilsverkünder, Hasardeur und Hasenfuß, Spion und Stratege, Vibraphon und Vandale, Erotomane und Ethikkommissar, Libertin und Lukull….tausend Gesinnungen, tausend Charaktere, tausend Masken, tausend Facetten.
….Ein bekannter Theater- und Medienkritiker hatte einst gedichtet:
„Und seht nur hin, für wen ihr schreibt! Wenn diesen Langeweile treibt, Kommt jener satt vom übertischten Mahle Und, was das Allerschlimmste bleibt, Gar mancher kommt vom Lesen der Journale… In bunten Bildern wenig Klarheit Viel Irrtum und ein wenig Wahrheit…“
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