Siegfried und die Schmetterlinge
2005 erscheint Egid Brauns erster Roman „Siegfried und die Schmetterlinge“ – ein Werk in der Tradition kritischer Journalistenromane wie Strindbergs „Schwarze Fahnen“ und Kracauers „Georg“.
Leseprobe aus Egid Brauns Roman: „Siegfried und die Schmetterlinge“
„Ein Dozent, frisch aus Harvard zurückgekehrt in die geistige Provinz, hatte ihm nach langer, von Wein, Weib und Witzen erhitzter Debatte, lachend erklärt: „Herr Licht, Sie haben zwar Geist, aber es wird Ihnen ergehen wie mir: ich bin mittelmäßig, weil ich zuviel saufe, Sie werden mittelmäßig bleiben in Ihrem Fach, wenn Sie nicht schleunigst anfangen, mehr Fachliteratur zu lesen. Mann, begreifen Sie doch endlich: man kann nicht alles selbst ersinnen!“
Siegfried hatte dem Dozenten in selbstbewußter Nonchalance geantwortet: „Hutos men panaristos hos autos panta noese“ - „Dieser ist der Allerbeste, der selbst alles ersinnt“.
Dem Harvard-Absolventen war beinahe die Ballantines-Flasche aus der zittrigen Hand gefallen angesichts dieser Schlagfertigkeit, mehrere Kommilitonen waren in homerisches Gewieher ausgebrochen vor Begeisterung, endlich eine unwiderlegbare Legitimation für ihre Lernfaulheit zu erhalten, und eine junge Griechin war von dem Altgriechisch Siegfrieds so entzückt, daß sie ihm eulenäugig anbot, ihn nach dem Umtrunk nach hause zu fahren, vielleicht in der Hoffnung, noch in derselben Nacht von ihm eine Einführung in Homers Odyssee zu erhalten. Er hatte dieses ungemein reizvolle Angebot nicht ablehnen können, das mit einer Flasche Retina und einer freundschaftlichen Umarmung endete. Die Ermahnung des Dozenten aber war, wie alle vorhergehenden, auf dornigen Boden gefallen. Freilich zeichnete sich Siegfried durch eine besondere Eigenschaft aus, die allerdings wenig Wertschätzung erfuhr. Sein Verhalten am Gymnasium wie an der Universität war im Grunde charakterisiert durch die Worte des Psychologen C.G.Jung:
„Man ist des wissenschaftlichen Spezialistentums und des rationalistischen Intellektualismus überdrüssig geworden. Man will von Wahrheit hören, die nicht enger macht, sondern weiter, die nicht verdunkelt, sondern erleuchtet, die nicht an einem abläuft wie Wasser, sondern ergreifend bis ins Mark der Knochen dringt.“ Der junge Wissenschaftler war sich auch nach dem Abschluss seiner erschöpfenden Studien der Soziologie des sogenannten „Homo Sapiens Sapiens“ keineswegs bewußt, was ins Mark seiner Knochen gedrungen war. Wohl aber, daß in seiner Geldbörse seit geraumer zeit Ebbe herrschte und er die Routine als rasender Reporter eines Radioprogramms bereits nach einem Jahr so satt hatte wie der junge Balzac seine Tätigkeit als Tagesschreiber einer Pariser Zeitung.“ ……
„Während der langen Autobahnfahrt fiel ihm ein.
Warum hatte Mutter eigentlich nach dem schwarzen Anzug gefragt? Plötzlich verstand er. Stand es so schlimm mit Vater?… Die letzten Jahre waren Groll und Mißtrauen und bisweilen Wut und Streit. Kaum ein gutes
Wort mehr, außer beim letzten besuch vor einigen Wochen.
Der Simma ahnt vielleicht, daß er Siegfried heute zum letzten Mal sieht. Daß er auch ihm Unrecht getan hat, diesem merkwürdigen Buben, den er nicht versteht, der so blitzgescheit ist und so ein freches Mundwerk hat. Er möchte ihm noch etwas Liebes sagen, aber das kann er nicht. So fragt eiunbeholfen:
„Hast denn ein Geld? Wenn man kein Geld hat, das ist doch nichts!“
Der Simma erinnert sich an seine bettelarmen Kinderjahre. Siegfried antwortet mit leiser Stimme. „Ich hab schon Geld, Vater, brauchst dich nicht zu sorgen.
Ich verdien ja was beim Taxifahren.“
Auch er weiß nicht so recht, was er dem Vater sagen soll. Er betrachtet voll Mitleid sein bleiches Gesicht, das von der Krankheit ausgezehrt ist und durchsichtig. Mager war Simon immer, aber jetzt scheint einfach die Haut über die Knochen gespannt. Siegfried wünscht seinem Vater gute Besserung und drückt ihm fest die knochige Hand. Seine weiche, jugendlich glatte Haut spürt diese von der Arbeit verwüstete, von Tiefgen Schrunden zerrissene Hand, die jetzt so ungewohnt sauber ist. Diese schwielige Hand, die fast sechzig Jahre hart gearbeitet, das Brot für die Kinder verdient und die Kinder geschlagen hat.
Jahrzehnte unaufhörlicher, unermüdlicher Handarbeit beim Pflügen und Säen, Steine ansammeln, Kartoffeln legen und ausgraben, Disteln jäten, Hederich ausreissen. Diese Hand, die das Korn senste vom Morgengrauen bis in die Abenddämmerung, den Rechen zog beim Grasrichten und beim Heuwenden, die Mistgabel packte Tag für Tag, Heu und Getreide und Krummet empor stemmte bei zahllosen Ernten, die Zitzen der Kühe molk, das Kalb ans Licht der Welt zog und dasselbe Kalb zum Metzger. Diese Hand, die das Blut umrührte in der Schlachtschüssel, das Fleisch der
Sau durch den Wolf drehte, den Abzugshahn am Militärkarabiner zog, das Bajonett führte beim Todesstoß und blutjunge russische Bauernsöhne hinmähte. Manchmal hat der Summa erzählt mit grimmigem
Lachen: „ Mein Lieber, dann haben wir gemäht mit dem Maschinengewehr! Hach, was wißt denn ihr? Gar nichts wißt ihr!“
„Was ist denn Wahrheit?“ fragt Rohn. „Sie wollen doch nicht im Ernst den Anspruch erheben, diese Frage beantworten zu können, an der schon die erlauchtesten Geister gescheitert sind, auch wenn Sie uns hier mit Ihrer Hirn-Akrobatik erschöpfen, und das auch noch bei vollem Magen!“
Einige Kollegen schmunzeln.
Rohn lächelt sarkastisch und fährt fort.
„Also ich für meine Person glaub sowieso nicht mehr an die absolute Wahrheit! Mir reicht auch ein Teil der
Wahrheit. Ich bin da pragmatisch.“
Siegfried erwidert. „Ich bewundere ihren Pragmatismus, Herr Kollege. Das hat schon was für sich: halbe Wahrheiten erleichtern das Lügen ungemein. Man kann phantastisch die Leute hinters Licht führen, ohne explizit zu lügen. Es genügt in den meisten Fällen vollkommen, Halbwahrheiten und
Nachrichtenunterdrückung geschickt zu kombinieren, um die Bürger zu manipulieren. Manipulation beginnt ja damit, daß man die Wahrheit umgeht oder vermeidet, so weit, daß Unwahrheiten oder Lügen entstehen. Damit kann man die schönste Propaganda machen.“
„Und Karriere machen vor allem“, fügt Oberbayer hinzu. Tucholsky hat das schon vor über fünfzig Jahren gesagt: „Ein bißchen verschweigen, um das Entscheidende herumschweigen, ist so leicht und so verführerisch, wenn man dafür die Geltung eintauschen kann, den Erfolg, den Ruhm und die Beachtung der
Welt, in der man lebt.“ Hat doch nichts von seiner
Aktualität verloren, oder?“…
Einen Augenblick herrscht beklommenes Schweigen am Tisch.
Rohn sagt zur Kollegin Oberbayer in spöttischem Ton:
„Jetzt hat der Kollege Licht es hoffentlich begriffen. Das Verschweigen des Entscheidenden ist im Journalismus der Schlüssel zur Karriere und zum hohen Einkommen!
Jetzt muß er die Erkenntnis nur noch in praktisches
Handeln umsetzen, dann ist er in fünf Jahren
Hauptabteilungsleiter .“
Er wendet sich lachend an Siegfried. „Dann hat die
Wahrheit auch für Sie einen Warenwert, Herr Licht! Die
Teil-Wahrheit natürlich.“
…“Karl Jaspers hatte den Zusammenhang in nicht zu überbietender Klarheit beschrieben: „Wahrheit und Freiheit gehören zusammen wie Lüge und Gewalt. Nur
Wahrhaftigkeit kann die freie Welt verbinden. Ohne Wahrhaftigkeit ist sie verloren.Freiheit und Lüge schließen sich aus.“
…“Sokrates Erkenntnis hatte nichts von ihrer Aktualität verloren. Denn wie die Sophisten waren auch viele Journalisten wahre Sprachakrobaten, für die recht behalten wichtiger war als die Wahrheit insbesondere dann, wenn sie damit auch noch ihren Ruhm und ihr Bankkonto mehren konnten. Und viele von diesen hoch
artifiziellen Publizisten bildeten sich tatsächlich ein, der
Demokratie und der Humanität zu dienen. Diese
Einbildung einerseits, das Verschweigen und
Verfälschen wichtiger Informationen andererseits, wenn man die gesellschaftliche Rolle hatte, den Menschen die Wahrheit mitzuteilen - das waren doch von jeher entscheidende Ursachen gesellschaftlicher und ökonomischer Missstände und Katastrophen, seit es diesen unglaublich schillernden Beruf des Journalisten gab - diesen Tausend-Zwitter aus Investigator und Inquisitor, Kassandra und Krämer, Kurtisane und Kabalenschmied, Komiker und Königsmacher, Philister und Philanthrop, Prediger und Propagandaposaune, Adept und Amateur, Hofberichterstatter und
Heilsverkünder, Hasardeur und Hasenfuß, Spion und
Stratege, Vibraphon und Vandale, Erotomane und
Ethikkommissar, Libertin und Lukull….tausend Gesinnungen, tausend Charaktere, tausend Masken, tausend Facetten.
….Ein bekannter Theater- und Medienkritiker hatte einst gedichtet:
„Und seht nur hin, für wen ihr schreibt!
Wenn diesen Langeweile treibt,
Kommt jener satt vom übertischten Mahle
Und, was das Allerschlimmste bleibt,
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale…
In bunten Bildern wenig Klarheit
Viel Irrtum und ein wenig Wahrheit…“
